Versteckte Störungen des Druckausgleiches im Mittelohr

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    13-Aug-2016

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  • (Aus der Universiti~tsklinik fiir HMs-Nasen-0hrenkrankheiten, Jena [Vorstand: Prof. Dr. Zange].)

    Versteckte Stiirungen des Druekausgleiches i m Mittelohr.

    (Ergiinzende Bemerkungen zu der vorstebenden Arbeit yon Dr. van Dishoeck.)

    Von Dozent Dr, Fritz Ziillner,

    Oberarzt. (Eingegangen am 15. JYebruar 1939.)

    Dureh seine Untersuchungen mit dem ,,Pneumophon" deekt van Dis- hoec]c St6rungen des Druckausgleiehes im Mittelohr auf, die ich bei meinen Untersuehungen fiber die Durehg~ngigkeit der 0hrtrompete bei versehiedenem Druckgef~lle zwisehen Raehen und Mittelohr (Widerstands- messungen) bereits vor einigen Jahren festgestellt babe 1. Diese beiden Untersuehungen erg~nzen und best/~tigen sieh in ausgezeichneter Weise~ da sozusagen jeder der Untersuchenden yon einer anderen Seite kommend das gleiehe Ergebnis erzieite.

    Mit dem ,Pneumophon" finder n'~mlich Dishoeclc, dal~ eine Anzahl yon Mensehen bei Erzeugung eines Unterdruckes im/~ul]eren Geh6rgang etwas besser h6rt Ms vorher, lndirekt l~Bt sieh aus diesen Versuehen mit hoher Wahrseheinlichkeit schlieBen, dM~ bei den betreffenden Ver- suchspersonen ein negativer Druek von entspreehender Gr6Be in der Paukenh6hle herrschte, wodureh die Geh6rkn6chelehen belastet wurden. Durch Angleiehung des Druckes im Geh6rgang f~llt diese Belastung weg und das Geh6r bessert sieh.

    In ~hnlicher Weise konnten wir in grogen Serienuntersuchungen an Gesunden, insbesondere bei Fliegern, feststellen, dab die Ohrtrompete 6fters ersehwert durchg~ngig ist. Wir ahmen bei unseren Untersuehungen die natfirlichen Verh/fltnisse naeh und verwenden einen regulierbaren t3berdruck im Nasenrachenraum, erzeugt (lurch einstr6mende Luft in die Nase, deren MaximMdruck mittels eines Ventiles reguliert wird und lesen den Eintritt der Luft in die Paukenh6hle w~hrend des Sehluek- aktes dureh das Trommelfell-Mikroskop an den Bewegungen der Pars tensa ab. NormMerweise kann man bei geringstem Uberdruek yon 2--4 mm Hg im Nasenrachenraum deutlieh den Eintritt der Luft in die Paukenh6hle beobaehten. Diesen geringen l]berdruek ben6tigen wir zur sichtbaren Bewegung des Trommelfelles. Im fibrigen kommt es uns nieht auf genaue physikMische Begriffe an, sondern auf praktisehe

    1 ZSllner t'ritz: Arch. Ohr- usw. Heilk. 140, 137 (1935).

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    grob vergleichbare Werte. Wir stellen fest, ob die Tube offen, leicht oder starker behindert durchgiingig oder ganz verschlossen ist. Bei einem gewissen Prozentsatz Ohrgesunder ist ein Lufteintritt in die Pauken- h6hle erst bei einem h6heren Cberdruck yon 10--60 mm Hg festzustellen. Trotzdem haben diese Personen keinerlei Ohrbesehwerden, auch keine st/irkeren H6rst6rungen. Diese Ergebnisse haben sieh uns bei zahl- reiehen weiteren Untersuehungen bis heute immer wieder in gleieher Weise best/~tigt.

    Da die t~tglichen Luftdrucksehwankungen und Ortsver/~nderungen st~tndig einen geringen Weehsel des ~uBeren Luftdruekes bedingen, so miiBte bei idealer Angleiehung des Druckes in der Paukenh6hle an dem AuBendruek aueh eine Durehg/~ngigkeit der Ohrtrompete bei gerings~en Drueksehwankungen garantiert sein. Bei Widerst/*nden in der Ohr- t, rompete yon 10--60 mm Hg kann ein soleher Ausgleieh des Druekes in der PaukenhShle nieht erfolgen, es ist also mit Sieherheit anzunehmen, dab in diesen Mittelohren h~ufig Druekdifferenzen gegeniiber dem AuBen- druek bestehen. Infolge der einseitigen Ventilwirkung der Ohrtrompete wird sieh ein l~berdruek in der Paukenh6hle leiehter ausgleiehen als ein Unterdruek. Daher ist zu erwarten, dab h/~ufiger ein Unter- als ein l~ber- druek in der Paukenh6hle anzutreffen ist. Wahrseheinlieh findet aueh eine Resorption der Luft in der Paukenh6hle start, sieheres wissen wit abet darfiber nicht.

    Diese lAberlegungen, die ieh auf Grund meiner Untersuehungsergebnisse vor Jahren ~nstelll,e und in meiner Arbeit ~ueh niedergelegt habe, sind nunmehr dutch die Untersuehungsergebnisse van Dishoecks bestgtigt worden.

    Bemerkenswert ist, daft das gesunde Ohr derartige geringe Drucb schwanlcungen [i~r einige Zeit ohne st6rende Erscheinungen ertriigt. Man muB annehmen, dal~ die Binnenohrmuskeln imstande sind, die Belastung der GehSrknSchelchenkette durch den auf dem Trommelfell lastenden Druck bis zu einem gewissen Grad zu kompensieren. Erst wenn die Be- ]astung zu stark wird oder entziindliehe Erseheinungen dazutreten, reicht dieser Ausgleicb nieht mehr hin, und es treten StSrungen in Form yon Ohrensausen oder Schwerh6rigkeit auf.

    Daraus ergibt und erkliirt sich, daft ein gewisser Prozentsatz yon Personen, wahrseheinlieh solehe mit enger Anlage der Ohrtrompete bei Sehnupfen, Sehwellungszust/~nde im Nasenraehenraum, vielleieht aueh nur unter dem EinfluB ra.uher Witterung zu einer Verlegung der Ohrtrompete neigt, ohne etwas davon zu wissen. Solange n/~mlieh nieht besondere Druek- differenzen auf das Ohr wirken, braucht sieh dieser voriibergehende Zu- stand in keiner Weise st6rend bemerkbar zu m~ehen. Wenn aber, wie bei Fliegern oder Caissonarbeitern, pl6tzlieh hohe An[orderungen an den Druelcausgleieh gestellt werden, so lc6nnen diese scheinbar Ohrgesunden mit he[tigen StSrungen reagieren.

  • 14 Fritz Z~llner:

    Wir haben uns auf Grund dieser Beobachtungen besonders ftir die praktische Auswirkung dieser Tatsache interessiert und zahlreiche Unter- suehungen und Rundfragen angesgellt. Die Ergebnisse entsprechen durchaus den experimentellen Beobachtungen.

    Die Umfrage unter geiibten Berufsfliegern ergab, dab zahlreiehe yon ihnen, auch wenn sie Schnupfen hatten, ohne alle Beschwerden Sturzfliige aus groften H6henlagen ausfiihren k6nnen. Bei einem anderen Tell treten bei HShenflug w/~hrend eines Katarrhs der oberen Luftwege Beschwerden in Form yon schmerzhaftem Druck in den Ohren beim Abw/~rtsflug auf, die gelegentlich yon groBer Heftigkeit sein k6nnen. Bei einem dieser Flieger - - Offizier - - den wit im beschwerdefreien Intervall untersuehen konnten, war aueh zu dieser Zeit eine m/~Bige Behinderung der Durehg/~ngigkeit der Ohrgrompete festzustellen. Es muft sich bei ihm urn eine derartig anlagem/~l~ige enge Tube handeln. Wit haben auch noch eine besondere Probe zur Prfifung unserer Unter- suehungsmethode gemacht. Da uns eine Unterdruekkammer nicht zur Verfiigung stand mugten wit im Flugzeug arbeiten. Wit lieften einen Mann, bei dem wir eine derartige versteekte Tubenverlegung fanden und der keinerlei Reschwerden hatte, auf 2000 m aufsteigen und rasch wieder landen. Sofortige Ohruntersuehung ergab leichte Schmerzen und ein ger6tetes Trommelfell mit punktf6rmigen Blutungen. Unsere Annahmen bestehen also durchaus zu Reeht. Im allgemeinen sind die St6rungen bei Fliegern nieht so sehwer, da die Druekeinwirkung, ab- gesehen yon Sturzfltigen, relativ langsam erfolgt und die Druekdifferenz keine allzu grofte ist.

    Viel schwerer sind die St6rungen bei den Caissonarbeitern, bei denen mehrere Atmosph/~ren Druek zur Einwirkung gelangen. Von dem hygienisehen Aufsiehtsbeamten beim Bau des Tiroler Aehenseewerkes konnte ieh erfahren, dal~ gelegentlich einer leichten Schnupfenepidemie bei einem grogen Teil der Arbeiter beiIn Einschleusen in die Caissons pl6tzlieh heftige Ohrensehmerzen auftraten, so dal~ sie sofor~ wieder zuriiekgesehleust werden muttten und w/~hrend des Verlaufs ihres Schnup- fens ftir die Arbeit in der Tiefe nieht zu brauehen waren.

    Zur praktischen Untersuchung auf Taugliehkeit fiir H6henfliige oder zur Caissonarbeit ist die Methode der Widerstandsmessung der Ohr- trompete wahrseheinlich geeigneter als die Untersuchung mit dem ,,Pneumophon". Dutch diese Untersuchung wird in direkter Weise die St6rung der Wegsamkeit der Tube naehgewiesen und gleichzeitig ihr Grad gemessen, w/~hrend mit dem ,,Pneumophon" die Folgen festgestellt werden, die aus Verlegung plus der inzwischen aufgetretenen Druek- /~nderung quellen. Damit. soil natiirlieh der Wert des ,,Pneumophons" fiir andere Zwecke nieht in Frage gestellt werden.

    Die Widerstandsmessung der Tube hat sieh uns in mehrj/~hriger Praxis tier Fliegeruntersuchung insofern bew/~hrt, als wit feststellten, daft

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    leichte Grade von Tubenverlegung, besonders bei vorhandenen Katarrhen die Tauglichkeit nieht behindern. Der Flieger, der atmosph/~rische Druck- schwankungen yon einigen 100 mm Hg ertragen mul~, ,,politzert" sozu- sagen sein Ohr selbst, indem der st/~rkere Aui]endruck beim Schlucken das kleine Hindernis in der Tube fiberwindet. Nur wenn sehwere Stenosen festgestellt werden, die fiber 80--100 mm Hg Widerstand liegen, ist zu- mindest eine zeitliche Untauglichkeit anzunehmen. H/~ufig ist das (~bel durch Behandlung yon Fehlern oder Erkrankungen der Nase oder des Nasenrachens zu beheben.

    Wir sehen also, dal~ diese versteckten StSrungen der Wegsamkeit der Tube durchaus nicht nur theoretisehes Interesse beanspruchen.

    Zusammenfassung. Durch Schwellung der Rachen- und Tubenschleimhaut komm~ es

    h/~ufig zu leichter oder auch sehwerer Verlegung der Ohrtrompete, ohne dab der Betroffene davon etwas merkt. Gewisse Druckdifferenzen zwischen Mittelohr- und Aultenluft, die zwangl/~ufig daraus entstehen, werden wahrseheinlich yon den Binnenohrmuskeln kompensiert. Durch die Tuben-Widerstandsmessung l~t]t sich dieser Zustand aufdeeken und gleichzeitig auch der Grad der Behinderung feststellen. Letzteres ist ffir die Tauglichkeitspriifung ffir HShenflug und Caissonarbeit yon Wichtigkeit.

    Eine Erg~nzung yon H. A. E. van Disha~ck zu dieser Arbeit wird im n~chsten Heft erseheinen.

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