Seelische Strungen erkennen, verstehen, verhindern, Int.1-Leichte kognitive Strungen im Alter.doc PSYCHIATRIE HEUTE Seelische Strungen erkennen, verstehen, verhindern, behandeln Prof. Dr. med. Volker Faust

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    07-Feb-2018

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    Int.1-Leichte kognitive Strungen im Alter.doc

    PSYCHIATRIE HEUTE

    Seelische Strungen erkennen, verstehen, verhindern , behandeln

    Prof. Dr. med. Volker Faust

    Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit LEICHTE KOGNITIVE STRUNGEN IM ALTER

    Zwischenstadium zwischen dem normalen geistigen Abb au im Alter und der eigentlichen Demenz Die Demenz, die man gar nicht mehr im Einzelnen erklren muss, gehrt in-zwischen zu den hufigsten Befrchtungen in unserer Zeit und Gesellschaft. Doch solche ngste ziehen Kreise. Und dazu inzwischen die so genannte leichte kognitive Strung im Alter, also ein Zwischenstadium zwischen dem normalen geistigen Altern und dem eigentlichen Demenz-Syndrom, internatio-nal als mild cognitive impairment (MCI) genannt. Um was handelt es sich? Auf was muss man achten? Ist das die beunruhigende Vorstufe einer demnchst zu ertragenden Demenz? Wie verluft eine solche Entwicklung? Wie wird sie diagnostiziert und vor allem: gibt es wirkungsvolle Behandlungsmglichkeiten? Dazu eine kurz gefasste bersicht aus wissenschaftlicher Sicht.

    Erwhnte Fachbegriffe: Kognition kognitiv kognitive Kompetenzen Kognitions-Defizite kognitive Therapie leichte kognitive Strung im Alter mild cognitive impairment - MCI MCI-Diagnostik MCI-Definition neuro-degenerative Demenz-Prozesse Demenz-Erkrankung Alzheimer-Demenz gestrte Alltags-Kompetenz gestrte kognitive Leistungsfhigkeit Gedchtnis-Strungen Orientierungs-Strungen mangelhafte Urteils-Fhigkeit mangelhafte Problem-Lsefhig-keit gestrte soziale Anpassung Beeintrchtigungen im Haushalt man-gelhafte Krperpflege mige Vergesslichkeit Amnestisches MCI Nicht-amnestisches MCI Multiples-Domnen-MCI MCI-Beschwerdebild MCI-Verlauf MCI-Hufigkeit MCI-Ursachen MCI-Diagnose klinisch-neuro-psychologische Untersuchung der leichten kognitiven Strung im Alter Ei-gen-Anamnese der leichten kognitiven Strung im Alter Fremd-Anamnese der leichten kognitiven Strung im Alter neuro-psychologische Untersuchung der leichten kognitiven Strung im Alter neuro-psychologische Tests der leichten kognitiven Strung im Alter Unterscheidung zwischen leichter kogni-tiver Strung im Alter und Demenz-Syndrom organische Ursachen einer kognitiven Strung Untersuchungs-Verfahren zur leichten kognitiven Strung

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    im Alter: Liquor, bild-gebende Hirn-Untersuchungen, genetische Untersuchun-gen, Elektroenzephalographie (EEG) u. a. Mglichkeiten und Grenzen einer Therapie bei leichten kognitiven Strungen u.a.m. Wir werden immer lter und das findet durchaus unsere Zustimmung, ob-gleich wir den seelisch-krperlich-geistig-psychosozialen Preis, der damit ver-bunden ist, ungern akzeptieren oder gar beklagen. Wer sich ber seine geistige Leistungsfhigkeit Sorgen macht und ggf. gezielt umhrt, den beschftigt immer mehr ein englischer Fachbegriff: Mild cognitive impairment. Und der gewinnt in Fachkreisen, sprich Nervenheilkunde, Psychi-atrie, Neurologie, Gerontopsychiatrie, Gerohygiene, Neuropsychologie u. . immer mehr an Bedeutung und wird schon gar nicht mehr ins Deutsche -bersetzt. Das kann man dann selber tun und findet: mild = mild, sanft, leicht, cognitive = erkenntnismig (so auch im Deutschen s. o.) und impairment = Schwche oder Beeintrchtigung. Soweit so gut, oder auch nicht. Fragt man seinen Arzt, dann bersetzt er definitionsgem: leichte kognitive Strung, was vor allem an der Schwelle zum Alter oder im Laufe des Rckbil-dungsalters irritiert. Was versteht man darunter? Dazu in Ergnzung zu einer ganzen Reihe von Kapiteln in dieser Serie eine kurz gefasste bersicht, basierend auf einem Fachartikel in der Zeitschrift Der Nervenarzt 11/2011 von den Experten Dr. F. M. Reischies, Friedrich von Bo-delschwingh-Klinik fr Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin sowie Dr. F. Wertenauer, Mental Health, Justice Health and Alcohol & Drug Services, ACT Government Health, Canberra/Australien, beide aus der Arbeitsgruppe Neuro-psychologie und experimentelle Psychopathologie an der Charit - Universi-ttsmedizin Berlin. Im Einzelnen: Begriff Als Erstes der aus dem lateinischen stammende Begriff: kognitiv. Was ver-steht man konkret darunter? Dazu eine kurze bersicht im Kasten: - Cognoscere: lat. = erkennen, wiedererkennen, wahrnehmen, aber auch Er-kundigungen einziehen, auskundschaften, untersuchen. Dazu je nach Wort-Kombination eine groe Zahl von zustzlichen Bezeichnungen: (z. B. je-manden als tapfer, Mann von Gre oder hoher Qualitt kennen lernen, er-kennen, dass etwas wahr ist, juristisch die Identitt bezeugen, prfen, unter-suchen oder verhren u.a.m. Also ein Kern-Wort mit vielen Bedeutungen von erheblicher Wichtigkeit. - Und so geht es dann auch im wissenschaftlichen, konkret psychiatrischen, psychopathologischen, inzwischen auch neuropsychologischen Sinne weiter: Kognition als Sammelbezeichnung fr jeden Vorgang, durch den man etwas wahrnimmt oder wei. Das schliet wahrnehmen, erkennen, denken, vorstel-len, erinnern, urteilen, lernen, bewerten, ja erwarten u. a. ein. In der psychiatri-

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    schen Alltagssprache bezeichnet man damit in der Regel den reinen Denkpro-zess, z. B. im Unterschied zu Stimmung, Gefhlswallungen usw. Als Substantiv (Kognition) relativ selten, als Adjektiv hufig gebraucht (kognitiv). Beispiele: als kognitive Strukturen wie Langzeitgedchtnis, Prozesse der inne-ren Informations-Verarbeitung, und als psychologische Forschungsrichtung die Kognitions-Wissenschaft, die bestimmte Methoden der Daten-Gewinnung und -Analyse nutzt. Von klinischer Bedeutung finden sich vor allem Begriffe wie kognitive Kompe-tenzen (frderliche bzw. funktionale Kognitionen), oder Kognitions-Defizite (hilfreiche Kognitionen unzureichend oder gar nicht vorhanden), Kognitions-Hemmung (funktionale Kognitionen sind vorhanden, werden aber nicht ange-messen genutzt, z. B. aus Angst oder im Rahmen einer Depression - s. u.) usw. Bekannt sind die depressions-typische Kognition wie dysfunktionale Kognition, oder selbst-abwertende Kognition usf. Einzelheiten dazu siehe die entsprechende Fachliteratur. Hufig zu hren ist auch der Begriff der kognitiven Therapie (heute bedeu-tungsgleich: kognitiv-behaviorale Therapie oder kognitive Verhaltenstherapie), einer Psychotherapieform, die dazu veranlasst, seine Situation zu berdenken, neu zu beurteilen und schlielich konstruktiv zu verndern. Oder schlicht ge-sprochen: Der Patient soll unsinnige und/oder fr ihn schdliche berzeugun-gen erkennen und aufgeben, zum Beispiel in der endogenen Depression, in der er sich als minderwertig, unfhig und sogar gesellschaftlich belastend fehl-interpretiert. Fazit: Ein viel verwendeter Fachbegriff fr ein allerdings auch hoch bedeutsa-mes neuropsychologisches Gebiet und ggf. folgenschweres krankhaftes Ph-nomen bzw. hilfreicher Psychotherapie, der inzwischen auch immer fter im Alltag zu hren ist. Hier soll es also um die leichte kognitive Strung im Alter gehen, Fachbegriff: mild cognitive impairment, abgekrzt MCI. Was wissen wir bisher ber Hufig-keit, Ursachen, Hintergrnde, Beschwerdebild, klinische, neuro-psychologi-sche, labor-technische und bild-gebende Erkenntnisse in der MCI-Diagnostik? Und kann man etwas dagegen tun? Definition Die meisten so genannten neuro-degenerativen Demenz-Prozesse (also schlicht gesprochen: der Niedergang der dafr zustndigen Zellen im Gehirn) brau-chen Jahre, bevor sie zu einem klinischen Syndrom fhren, also einem mehr oder weniger zusammenhngenden Leidensbild, das man dann als Demenz diagnostizieren kann (vom lat.: dementia = Unsinn, Wahnsinn, Raserei; volks-tmlich: Tollheiten; medizinisch: Schwachsinn). Einzelheiten - wie erwhnt - vor allem die Kapitel Demenz-Erkrankungen und Alzheimer-Demenz in dieser Serie.

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    Im Rahmen einer solchen neuro-degenerativen Entwicklung verschlechtert sich die kognitive Leistung, und zwar zunchst meist schleichend. In diesem Zusammenhang wird dann auch ein Stadium durchlaufen, das man leichte kognitive Strung nennt, d. h. es werden bereits kognitive Fehlleistungen beo-bachtet, allerdings noch kein eigentliches Demenz-Syndrom diagnostiziert. Deshalb hat sich in den letzten Jahren ein Konzept fr dieses Zwischenstadi-um zwischen dem normalen kognitiven Altern und dem eigentlichen Demenz-Syndrom entwickelt, das die Wissenschaftler international mild cognitive im-pairment-MCI nennen. Fr die Experten gibt es dabei definitionsgem so ge-nannte Standard-Abweichungen in der Verteilung kognitiver Leistungen in der Bevlkerung. Einzelheiten dazu siehe die Fachliteratur. Nachvollziehbar fr jeden aber heit das: - Die Patienten selber oder ihre Angehren berichten ber eine Verschlech-terung ihrer kognitiven Leistungen oder es gibt einen objektiven Beleg fr eine Verschlechterung ber die letzte Zeit hinweg. - Die grundlegenden Aktivitten des tglichen Lebens sind nicht gestrt bzw. komplexere Funktionen sind nur minimal gestrt (d. h. es findet sich eine nor-male Alltags-Kompetenz und normale allgemeine kognitive Leistungsfhig-keit). Auch ist noch keine globale Beeintrchtigung kognitiver Fhigkeiten wie beim voll ausgebildeten Demenz-Syndrom beobachtbar (weshalb auch die entsprechenden Demenz-Kriterien nach den ton-angebenden internationalen Institutionen ICD-10 der WHO oder DSM-IV-TR der APA nicht erfllt sind). Mit anderen Worten: Hier wird unterschieden zwischen einer latenten Demenz-Erkrankung (latent = lat.: verborgen, unsichtbar, heimlich, medizinisch ausge-drckt: noch ohne eindeutige Krankheitszeichen verlaufend, wenn auch ver-steckt oder zumindest zeitweilig verborgen) und den offenkundigen Demenz-Krankheiten wie der bekannteste Untertyp, nmlich die Alzheimer-Krankheit. Dieses Konzept hat sich inzwischen durchgesetzt. Es entspricht der Alltags-Erfahrung im Umgang mit Patienten, deren kognitive Defizite vermuten lassen, dass ihre geistigen Leistungen zwar nicht mehr mit dem normalen Altern ver-einbar, trotzdem aber ihrem Alltag noch gewachsen sind. Bei solchen kognitiven Fehlleistungen handelt es sich beispielsweise um ver-gessene Verabredungen oder vergessene Details aus Erzhlungen, ferner um Wortfindungs-Strungen oder Probleme, mit einem neuen elektronischen Ge-rt zurechtzukommen u. a. Nachfolgend eine anschauliche Beschreibung der leichten kognitiven Strungen im Alter anhand des Clinical Dementia Rating, wobei zwischen fraglicher De-menz = entspricht dem MCI-Stadium und leichter Demenz unterschieden wird.

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    Beispiel der leichten kognitiven Strung anhand der fraglichen Demenz *

    CDR-Bereiche

    CDR: fragliche Demenz

    CDR: leichte Demenz

    Gedchtnis Orientierung Urteils- und Problemlsef-higkeit Soziale Angelegenheiten Haushalt und Hobbys Krperpflege und Kleidung

    Andauernde leichte Ver-gesslichkeit; nur teilweise Erinnerung an bestimmte Ereignisse; benigne (gut-artige) Vergesslichkeit (s. u.) Voll orientiert; z. T. leichte Schwierigkeiten mit zeitli-chen Abfolgen Leichte Strung im Prob-lemlsen, z. B. bei hnlich-keiten und Unterschieden Leicht gestrt Hobbys und intellektuelle Interessen sind leicht ge-strt Vollkommen selbststndig

    Moderate (mige) Ver-gesslichkeit; strker ausge-prgt fr kurz zurckliegen-de Ereignisse; die Strung beeintrchtigt die tglichen Aktivitten Moderate Schwierigkeiten mit zeitlichen Abfolgen; ori-entiert fr Ort der Untersu-chung , aber Orientierungs-Strung in Bezug auf ande-re Orte mglich Moderate Strung in der Bearbeitung von Problemen, z. B. bei hnlichkeiten und Unterschieden; Urteilsf-higkeit im sozialen Bereich meist erhalten Nicht mehr in der Lage, un-abhngig alle sozialen An-gelegenheiten zu regeln, obwohl noch in manchem engagiert; erscheint bei o-berflchlicher Betrachtung noch ungestrt Leichte, aber definitive Be-eintrchtigung im Haushalt; schwierige Aufgaben und kompliziertere Hobbys und Interessen wurden aufgege-ben Bentigt Aufforderung

    * CDR Clincal Dementia Rating, zitiert nach F. M. Reischies und F. Wertenauer, 2011

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    Unterteilung nach MCI-Typen Im weiteren Verlauf dieses MCI-Konzeptes hat man auch die Unterteilung in verschiedene Typen vorgeschlagen. Beispiele: - Amnestisches MCI: hier ist die wichtigste Leistungsstrung die Amnesie,

    die Erinnerungslosigkeit, d. h. vor allem eine Strung des episodischen Gedchtnisses (z. B. der Fhigkeit, sich krzlich erlebte Ereignisse zu mer-ken).

    - Nicht-amnestisches MCI: wenn das Gedchtnis nicht beeintrchtigt ist. - Multiples-Domnen-MCI: wenn die MCI-Fehlleistungen sich auf mehrere

    neuro-psychologische Bereiche verteilen.

    Seelisches Beschwerdebild Zwar ist das MCI durch Strungen kognitiver Leistungen definiert, doch finden sich regelhaft auch seelische Strungen, und zwar bereits in diesem frhen Stadium der Demenz-Erkrankung. Besonders hufig sind affektive Symptome (Gemtsstrungen) wie Depressivitt und Angst, aber auch leichte Irritabilitt (schnell durcheinander zu bringen) und aggressive Verhaltensweisen. Eine oft von Angehrigen beklagte Strung im Bereich des Antriebs und der Emotionalitt (Gemtslage), die aber vom Patienten nicht als besonders belas-tend erlebt zu werden pflegt, bezeichnet die Fachwelt als Apathie, also keine Gemts-Reaktionen mehr, verringerter Antrieb und damit eine Art Leiden-schaftslosigkeit bzw. Teilnahmslosigkeit.

    Verlauf Bei vielen Betroffenen mit einem amnestischen MCI (s. o.) verschlechtert sich in den folgenden Jahren die kognitive Leistungsfhigkeit. Und damit breitet sich die Strung meist auch auf weitere neuro-psychologische Bereiche aus, bis schlielich ein augenscheinliches Demenz-Syndrom diagnostiziert werden muss (wobei das berschreiten der so genannten Demenz-Schwelle fachlich als Konversion bezeichnet wird). In entsprechenden Bevlkerungs-Stichproben kann man lesen, dass etwa zehn Prozent der MCI-Flle im nchsten Jahr eine Demenz-Diagnose erhal-ten. Im Vergleich: In einer Gesamt-Stichprobe sind es ein bis zwei Prozent. Jene Patienten, die bereits darauf reagiert haben und beispielsweise eine Ge-dchtnis-Sprechstunde aufsuchen, liegen mit bis zu 20% deutlich hher. Dies ist nachvollziehbar, denn es sind vorwiegend Patienten mit entsprechenden Defiziten, die sich zu einem solchen Schritt entscheiden (mssen). Solche

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    Schritte werden nebenbei nicht nur von den Betroffenen, sondern auch (oder sogar fter) von den Angehrigen bzw. dem nheren Umfeld angeregt, die solche schleichenden Einbuen naturgem besser zu beurteilen vermgen als die Betroffenen selber, so die Experten F. M. Reischies und F. Wertenauer.

    Hufigkeit Wie hufig sind nun solche leichten kognitiven Strungen im Alter? Auch dazu gibt es entsprechende Bevlkerungs-Stichproben, die allerdings erheblich vari-ieren, nmlich zwischen drei und 25%. Das hngt mit der jeweiligen Klientel zusammen, die untersucht wurde. Im Mittel so die Exper...

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