Psychoonkologie in der Dermatologie

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  • Hautarzt201364:424428DOI10.1007/s00105-012-2496-7Onlinepubliziert:17.Mai2013Springer-VerlagBerlinHeidelberg2013

    K.-M.TaubeKlinikundPoliklinikfrDermatologieundVenerologie,Martin-

    Luther-UniversittHalle-Wittenberg,Halle(Saale)

    PsychoonkologieinderDermatologie

    Psychoonkologie ist eine Disziplin, die noch in den Kinderschuhen steckt. Einige Teilgebiete sind schon lnger sowohl Gegenstand wissenschaftli-cher Forschungen als auch Bestand-teil praktischer Medizin. Dazu gehrt beispielsweise die Betreuung von Pa-tienten mit Brustkrebs oder Darm-krebs. Dagegen liegen zu Fragen der Psychoonkologie in der Dermatologie bisher noch wenige Untersuchungen und Empfehlungen vor. Im Folgenden soll herausgearbeitet werden, wel-che Zusammenhnge zwischen Psy-che und Tumoren bekannt sind, wel-che komplementren onkologischen Verfahren geprft sind und welche Art der Betreuung von onkologischen Patienten sinnvoll ist. Schlielich soll auf die besondere Situation onkolo-gischer Patienten in der Dermatolo-gie eingegangen werden. Hier stellt sich die Frage: Liegt tatschlich eine (Haut-)Krebserkrankung vor oder be-stehen Angststrungen oder gar eine Krebsphobie. Den Abschluss bilden Empfehlungen fr die dermatologi-sche Praxis, wie im konkreten Fall mit Tumorpatienten in der Praxis umge-gangen werden kann und welche psy-choonkologischen Behandlungen zur Verfgung stehen.

    Zusammenhnge zwischen Psyche und Malignomen

    Die Betrachtung bezieht sich auf eine Me-taanalyse von ber 200 wissenschaftlichen Studien aus dem Jahr 2005, die als Mono-grafie vorliegt [10].

    Zunchst stellt sich die Frage, ob Krebs-erkrankungen durch psychische und/oder soziale Einflsse ausgelst, unterhalten

    oder gefrdert werden knnen. Spekula-tionen darber sind in der Bevlkerung sehr verbreitet. Besonders ist die Vorstel-lung verbreitet, ein Mensch, der in beson-derer Weise Schuld oder Snden auf sich geladen hat, msse danach dafr be-zahlen oder msse dafr mit einer gtt-lichen Strafe rechnen. Das Kausalitts-bedrfnis des Menschen ist Anlass da-fr, rckblickend an auslsende schlim-me Ereignisse oder Erlebnisse zu denken, an traumatisierende Lebensereignisse. Bei Befragungen von Tumorpatienten zeigte sich, dass es sich wahrscheinlich weni-ger um schwerwiegende Lebensereignis-se handelt als vielmehr darum, dass diese Belastungen zu einer Selbstanklage oder einer schuldhaften Verarbeitung gefhrt haben [8]. Daraus ergibt sich die Frage, ob es so etwas wie eine Krebspersnlich-keit gibt. Bei retrospektiven Studien ber dieses Thema besteht die Gefahr, dass die Tumorpatienten Einschtzungen zu Le-bensereignissen aus der Sicht des per-snlich Betroffenen abgeben. Bei pros-pektiven Untersuchungen msste ber Jahre bis Jahrzehnte eine komplexe Situ-ation an Lebensumstnden bei einer ge-waltigen Stichprobe erhoben und analy-siert werden.

    DDieEntstehungeinesTumorsodereinerKrebserkrankungistmeistmultifaktoriell.

    Bei einer genetischen Genese (Tumorfa-milien, beispielsweise Brustkrebserkran-kungen) erscheint es noch einleuchtend, bei anderen Lebensumstnden (Rauchen, Alkohol, Drogen, psychischer Stress, Feh-lernhrungen, fehlende Bewegung) sind die Zusammenhnge zwar vermutet, im Einzelfall aber kaum wissenschaftlich

    nachweisbar. Man kann sich eher vorstel-len, dass soziale oder seelische Belastun-gen zu Fehlverhaltensweisen und/oder Stress beitragen, die dann wiederum Tu-morerkrankungen begnstigen knnen.

    Auch die Art, wie der Patient mit der Tumorerkrankung umgeht, ob er ein be-stimmtes Bewltigungsverhalten zeigt, scheint bisher keinen Einfluss auf den Ver-lauf der Krebserkrankung oder die ber-lebenschancen zu haben. Sicher scheint aber, dass Patienten mit aktiven und hilf-reichen Bewltigungsstrategien (aktive Suche nach Untersttzung, kmpferische Haltung, Untersttzung durch Familie/Freunde) eine bessere Lebensqualitt auf-weisen. Fehlt diese Begabung zur ausrei-chenden seelischen Stabilitt, sollte eine professionelle psychoonkologische Hilfe angeboten werden.

    Psychoneuroimmunologische Studien befassen sich auch mit dem Zusammen-hang von psychischem Stress (Distress) und Krebsentstehung [3]. Hier stehen die Erkenntnisse noch am Anfang. Obwohl erwiesen ist, dass emotionale Befind-lichkeiten das Immunsystem beeinflus-sen und das Immunsystem das Tumor-wachstum beeinflusst, ist die Beweisket-te von emotionaler Befindlichkeit bis hin zum Tumorwachstum noch nicht wissen-schaftlich eindeutig belegt.

    Ob psychotherapeutische Verfahren wie eine psychoonkologische Beratung, Entspannungsverfahren, Kunsttherapien oder verhaltensmedizinische Verfahren zu einer Beeinflussung des Tumorwachs-tums fhren, ist bisher nicht geklrt. Al-lerdings knnen diese Behandlungsver-fahren dazu beitragen, wirksame Bewl-tigungsstrategien aufzubauen, psychoso-ziale Probleme im Zusammenhang mit der Erkrankung besser zu lsen und da-

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    Leitthema

  • mit eine erhhte Lebensqualitt zu errei-chen [11].

    Welche alternativen Tumorbehandlungsverfahren sind wissenschaftlich geprft und wirksam?

    Hierunter sollen alle Behandlungsverfah-ren verstanden werden, die die Standard-therapie der Krebsbehandlung ergnzen. Aufgrund des verstndlichen Wunsches der Patienten und/oder ihrer Angehri-gen, nichts unversucht zu lassen, um die Heilchancen zu erhhen oder die Lebens-qualitt zu verbessern, hat sich ein gro-er Markt alternativer Angebote entwi-ckelt. Als anerkannte Standardtherapien sind solche Tumorbehandlungen zu ver-stehen, die in randomisierten, kontrollier-ten Studien einen Wirksamkeitsnachweis erbrachten. Hierzu zhlen in der Tumor-therapie Operationen, Chemo-, Immun-, Strahlen- oder Hormonbehandlungen. Sie haben daher als wissenschaftlich begrn-dete Tumorbehandlungen absolute Priori-tt [5]. In den letzten Jahren wurden dar-ber hinaus alternative Behandlungsma-nahmen in wissenschaftlichen Untersu-chungen und randomisierten, kontrol-lierten Studien erforscht [4]. Bei folgen-den Behandlungsverfahren haben sich al-ternative Therapien als unbedenklich und teilweise als wirksam herausgestellt [7]:Fpsychoonkologische Betreuung,Fsportliche Aktivitten,FErnhrungsempfehlungen.

    Als weitere Behandlungsverfahren sind noch die Selen-, die Enzym- und die Mis-teltherapie zu nennen. Im Folgenden sol-len die psychoonkologische Betreuung und die krperliche Aktivierung nher dargestellt werden.

    PsychoonkologischeBetreuung

    Hierunter versteht man die professionelle Begleitung und Behandlung psychischer Beschwerden whrend und nach einer Krebserkrankung. Ein wissenschaftlicher Nachweis einer Wirksamkeit kann aller-dings aufgrund der Datenlage erst vermu-tet werden. Groe randomisierte Studien fehlen noch. Bei Mammakarzinompatien-ten konnte allerdings gezeigt werden, dassFdie psychosoziale Kompetenz verbes-

    sert,Fdas eigenverantwortliche Handeln ge-

    strkt undFdie rezidivfreie und berlebenszeit

    verlngert werden [1].

    Die psychoonkologische Betreuung und Behandlung setzt zunchst ein entspre-chendes Angebot an den Patienten voraus und danach den aktiven Wunsch des Pati-enten, dieses Angebot anzunehmen. Un-sere eigenen Erfahrungen bei Patienten mit malignem Melanom zeigten, dass die Patienten, die nach einer (zunchst) er-folgreichen Operation und dem Gefhl der Heilung die Problematik Krebs lie-ber verdrngen und die Angebote einer psychoonkologischen Betreuung nicht annehmen.

    Ist der Patient aber bereit fr ein der-artiges Angebot, sollte eine psychoonko-logische Behandlung mglichst zeitnah zur Diagnosestellung erfolgen, bei Bedarf aber auch zu einem spteren Zeitpunkt, vielleicht sogar erst nach Abschluss aller Therapiemanahmen.

    Als therapeutische Ziele einer psy-choonkologischen Behandlung, Betreu-ung oder Begleitung gelten [11]:FStabilisieren und Verbessern der psy-

    chischen Situation,FErkennen, Erlernen und Anwenden

    von Abwehrstrategien,FWiederherstellen und Verbessern des

    Selbstwertgefhls,

    FAuseinandersetzen mit Krperbild, Krperfunktionen und Krperemp-findungen,

    FVermitteln von Copingstrategien,FVerbessern von sozialen Beziehungen

    und Aktivitten oder des Bindungs-verhaltens,

    FFrdern der Eigenverantwortlichkeit,FUntersttzen bei der Suche nach neu-

    em Lebenssinn oder neuen Lebens-zielen.

    Bestehen bei onkologischen Patienten der Wunsch nach psychoonkologischer Begleitung sowie erkennbare Defizite, ist mit einer deutlichen Verbesserung der Le-bensqualitt zu rechnen.

    KrperlicheAktivierung

    Bewegungsmangel ist wie auch Fehl- bzw. berernhrung Ursache fr diverse Zi-vilisationskrankheiten wie bergewicht, Hypertonie sowie auch Krebserkran-kungen. Es liegen Studien vor zur Prven-tion sowie Rehabilitation von Krebser-krankungen durch Sport, insbesondere durch moderates Ausdauertraining. Da-bei zeigt sich:FModerates Ausdauertraining kann

    das Krebsrisiko signifikant senken.FIndividuelles Ausdauertraining ver-

    bessert signifikant die Rehabilitation nach abgeschlossener Tumortherapie.

    Sportliche Aktivitten sollen zur Erhal-tung bzw. Verbesserung der physischen, psychischen und sozialen Leistungsf-higkeit beitragen. Moderates Ausdauer-training sollte ausschlielich im aeroben Bereich erfolgen. In der Praxis kann man sich daran orientieren, dass die Herzfre-quenz maximal 180 Schlge pro Minute minus Lebensalter fr die Dauer der Be-lastung betragen sollte. Die Trainingsein-heiten sollten dabei nicht unter 20 min betragen, da bei krzeren Trainingszeiten kein Effekt erwartet werden kann. In der Praxis sollte 2- bis 3-mal pro Woche fr 3060 min moderates Ausdauertraining empfohlen werden.

    Psychodermatologie

    Dermatosen primrpsychischer Genese

    multifunktionelleDermatosen

    sekundre psychischeStrungen/Komorbiditten

    Abb. 19Einteilungs-prinzipderpsycho-somatischenDerma-tologie

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  • Dermatologische Besonderheiten der Psychoonkologie

    Grundstzlich stehen dabei Aspekte im Vordergrund, die sich damit beschftigen, wie der Patient und der Arzt mit der Di-agnose und der Erkrankung Krebs um-gehen.

    Nach dem Einteilungsprinzip, das der-zeit international gltig ist, gliedern sich die Schwerpunkte der psychosomatischen Dermatologie in 3 Gruppen, wie sie in der .Abb.1dargestellt sind [9].

    Das Einteilungsprinzip beruht dar-auf, welche gesundheitliche Strung pri-mr vorhanden ist bzw. welche sich reak-tiv darstellt.

    DBeidenDermatosenprimrpsychi-scherGenesestehtdiepsychiatrischeErkrankungimVordergrund.

    Dabei haben wir es im Wesentlichen mit Artefakten, mit Wahnvorstellungen, mit somatoformen Strungen und mit Zwangsstrungen zu tun.

    Bei den Wahnvorstellungen spielt der sog. hypochondrische Wahn eine beson-dere Rolle. Hierbei handelt es sich um ei-ne anhaltende unkorrigierbare wahn-hafte Beschftigung mit der Angst oder der berzeugung, an einer ernsthaften krperlichen Krankheit zu leiden. Im Fal-le der dermatologischen Psychoonkologie muss hier allgemein an eine Krebsphobie, im Besonderen an eine Melanomphobie gedacht werden.

    Bei den somatoformen Strungen sind insbesondere hypochondrische Strungen zu nennen, die sich beispielsweise in ei-ner Neoplasiephobie uern. Neben den infektionsgeprgten Hypochondrien fin-den wir daher auf Neoplasie gerichtete Be-frchtungen wie Krebsphobie oder Pho-bie vor einem Melanom oder Basaliom.

    Krperdysmorphe Strungen lassen sich so definieren, dass sich die Patien-ten bermig mit einem Mangel oder einer Entstellung im krperlichen Ausse-hen beschftigen. Dieser Mangel ist ent-weder berhaupt nicht vorhanden oder nur uerst gering ausgeprgt. Hinsicht-lich einer Tumorangst ist beispielhaft die Landkartenzunge (Lingua geographica) zu nennen, eine harmlose Erkrankung,

    bei der durch den Verlust von Papillen-verhornungen an der Zunge ein landkar-tenhnliches Bild entsteht. Hier ist es be-sonders wichtig, den Patienten von der Harmlosigkeit der Erkrankung zu ber-zeugen. In besonderen Fllen kann auch eine Psychotherapie hilfreich sein.

    Unter multifaktoriellen Dermatosen werden verschiedene chronische Haut-krankheiten subsumiert wie die Psoria-sis vulgaris, die atopische Dermatitis-Ur-tikaria oder die Acne vulgaris. Hier kn-nen einerseits psychische Strungen die Hauterkrankung verstrken, andererseits kann aber auch die Hauterkrankung zu psychischen Strungen fhren.

    Das maligne Melanom wird in der neueren Literatur einerseits den multi-faktoriellen psychosomatischen Derma-tosen zugerechnet, andererseits spielen aber auch, wie unten dargestellt, sekun-dre psychische Strungen eine entschei-dende Rolle. Psychosoziale Faktoren al-lein knnen kein malignes Melanom ver-ursachen. In wissenschaftlichen Studien wurde jedoch nachgewiesen, dass Stress und die daraus folgende Immunsuppres-sion eine Tumorinduktion im Tierversuch bedingen knnen. Weiterhin zeigt sich in letzter Zeit das zunehmende Phnomen einer Brunungssucht (Laiendiagnose, fachsprachlich: Tanorexie), die das krank-haft bertriebene Verlangen nach stndi-ger Hautbrune beschreibt. Dabei ist das Auftreten von lichtinduzierten malignen Neubildungen auch vom eigenen Verhal-ten und Umgang mit Licht abhngig. Psy-chosoziale Strungen haben den gr-ten Anteil bei pathologischem Lichtmiss-brauch.

    DInderPraxisamhufigstensinddiesekundrenpsychischenStrungenundKomorbiditten.

    Sie stellen eine psychische Strung als Folge einer Hauterkrankung dar. Es han-delt sich dabei um somatopsychische St-rungen im klassischen Sinne. Dabei sind als Problembereiche besonders Stigmati-sierung bzw. das Gefhl der Entstellung, Angstgefhle, Strung in der Krankheits-verarbeitung, Strung der Arzt-Patienten-Beziehung und eine Beeintrchtigung der Lebensqualitt zu nennen.

    Als Komorbiditten werden Anpas-sungs- und Angststrungen sowie De-pressionen beobachtet.

    Bei der Betreuung von Tumorpatien-ten in der dermatologischen Praxis finden sich hufig Zeichen von Depression mit den blichen Kriterien wie Interessenver-lust, Freudlosigkeit, Antriebsmangel oder erhhte Ermdbarkeit.

    Wenig bekannt ist, dass in der der-matologischen Onkologie bei Diagnos-tik und Therapie von Hauttumoren bis zu 50% der Flle akute oder chronische Ver-

    Zusammenfassung Abstract

    Hautarzt201364:424428DOI10.1007/s00105-012-2496-7Springer-VerlagBerlinHeidelberg2013

    K.-M.TaubePsychoonkologie in der Dermatologie

    ZusammenfassungPsychoonkologieisteinejungeDisziplininderDermatologiewieauchindergesamtenMedizin.Offiziellistsiebishernichtklarde-finiertundheterogen.Inderdermatologi-schenOnkologiemitDiagnostikundThera-piewerdeninbiszu50%derFlleakuteundchronischeVerlufevonpsychosomatischenStrungengefunden.FrdiePraxisergebensichdahereinigeProblemfelderwieDiagno-semitteilung,Coping,AnpassungsstrungenundKomorbiditten,aufdiederbetreuendeDermatologevorbereitetseinsollte.

    SchlsselwrterHauttumorenCopingKomorbidittenLebensqualittDermatologischeOnkologie

    Psycho-oncology in dermatology

    AbstractPsycho-oncologyisayoungdisciplineindermatologyaswellasinthemedicine.Thetopicisheterogeneousandnotclearlyde-fined.Theproportionofindicationsforemo-tionalcareinoncologyisupto50%,depend-ingonthemethodofdiagnosis.Indailyder-matologicalpractice,carefuldistributionofinformationandhelpingwithcopingarees-sentialinordertonotoverwhelmthepa-tient.Thedoctorshouldaskquestionsaboutthepatientsexpectations,fears,andanyun-clearitems.

    KeywordsSkintumorsCopingComorbidityLifequalityDermatologiconcology

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  • lufe von psychosomatischen Strungen aufweisen.

    Nach der Diagnosestellung eines ma-lignen Melanoms sind zentrale Faktoren dieser Betrachtung die Krankheitsbewl-tigung und die Tumorangst, die beson-ders dann ausgeprgt ist, wenn die soziale Untersttzung fehlt. Das metastasenfreie Langzeitberleben beim malignen Mela-nom ist mit einem effektiven Copingstil assoziiert. Zum Coping gehren bereits die frhzeitige Vorstellung und Durch-fhrung einer konsequenten Therapie. Als Folge der Tumorerkrankung kann es bei einem Drittel der Patienten zu erheb-lichen psychosozialen Belastungen und Anpassungsstrungen kommen. Affek-tive Strungen wie verschiedene Arten einer Depression treten bei einem erheb-lichen Teil der Patienten auf.

    DDieaktiveKrankheitsverarbeitungscheintaucheinprognostischbedeutsamerFaktorfrdenVerlaufderTumorerkrankungzusein.

    Bisher liegen nur wenige Erfahrungen hinsichtlich einer Psychotherapie beim malignen Melanom vor. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass besonders eine Gruppentherapie, Stressmanagement, Entspannungsverfahren und Gesund-heitsschulungen einen positiven Effekt auf das Copingverhalten zeigten. Daher lsst sich feststellen, dass bei einer Unter-gruppe von Patienten mit tumorbeding-ten psychosozialen Problemen psycho-somatische Konzepte als integrierter Be-standteil in der onkologischen Dermato-logie, vor allem beim malignen Melanom, bercksichtigt werden sollten. Unserer Erfahrung nach wnschen die Patienten mit einer Tumorerkrankung meist ein ausfhrliches empathisches Gesprch, mglichst mit dem langzeitbetreuenden Arzt, und nur selten eine reine psycholo-gische Betreuung. Das maligne Melanom kann durch eine sttzende psychosomati-sche Grundversorgung und teilweise wei-terfhrende Therapie (z. B. Gruppenpsy-chotherapie) begleitet werden. Entspan-nungsverfahren und Patienteninforma-tion sind zur Senkung der perioperativen Anspannung und Belastung sinnvoll, aber auch zur Senkung der Nebenwirkungen der Chemo- und/oder Immuntherapien

    sowie zur Angstreduktion bei tatschli-cher oder befrchteter Tumorprogression [2, 6]. Die Indikation zur Einzelpsycho-therapie oder zu einem Einsatz von Psy-chopharmaka ergibt sich aus einer mg-lichen Komorbiditt psychischer Strun-gen (Depressionen, Angststrungen).

    Die wichtigen Problemfelder, mit de-nen sich die Psychoonkologie sekundr-er psychischer Strungen in der Derma-tologie beschftigt, sind nachfolgend auf-gefhrt.

    Mitteilung der Diagnose. In den meis-ten Fllen erleben die Patienten die Mit-teilung, dass sie an einer Tumorerkran-kung leiden, als Schock oder Trauma. Auch wenn diese Reaktion fr den betreu-enden Arzt nicht vordergrndig sichtbar wird, muss in den meisten Fllen davon ausgegangen werden. Die Prognose ber den Verlauf der Tumorerkrankung sollte dem Patienten ehrlich, aber nicht scho-nungslos nahegebracht werden. Es ist wichtig, dass der Arzt auch hinsichtlich der Erwartungen und ngste des Patien-ten nachfragt und versucht, Unklarheiten mglichst frhzeitig auszurumen.

    Krankheitsbewltigung und Lebensqua-litt. In der ersten Phase nach Mitteilung der Diagnose sollte der betreuende Arzt fr den Patienten gut ansprechbar sein, um eine aktive Krankheitsbewltigung unter Beachtung des persnlichen Bewl-tigungsstils zu frdern. Oftmals wird der Patient seine Lebensbereiche hinterfragen und die aktuelle Lebenssituation mit Part-ner, Beruf und seinem Selbst berdenken.

    Anpassungsstrung. Im Verlauf der Be-treuung eines Tumorpatienten knnen Anpassungsstrungen auftreten, die sich in vegetativen Strungen wie Schlafst-rung, Libido- und Appetitsverlust oder Schmerzen uern.

    Persnlichkeitsvernderung. Der be-treuende Dermatoonkologe sollte beach-ten, dass es zu Persnlichkeitsvernde-rung bei dem Patienten kommen kann. Die Ursache ist einerseits darin zu sehen, dass es zu reaktiven Depressionen, aber auch zu Hirnmetastasierung gekommen sein kann. Besondere Beachtung sollten auch Medikamentennebenwirkungen fin-

    den. Wir kennen beispielsweise depressive oder paranoide Strungen unter der The-rapie mit Interferon- oder mit Dexame-thason.

    Begleitung sterbender Tumorpatien-ten. Die Begleitung sterbender Tumorpa-tienten stellt das letzte und sehr intensive Kapitel fr den betreuenden Arzt mit dem betroffenen Patienten (und oft dessen An-gehrigen) dar. Von ihm sind neben ho-her Einsatzbereitschaft auch emotiona-le Zuwendung und Trost gefordert, was nicht selten an die eigenen Grenzen der Belastbarkeit mit Schlafentzug, Verzweif-lung, Mutlosigkeit und Trauer fhrt. Hier hat der betreuende Dermatoonkologe im Sinne der eigenen Psychohygiene fr sich Freiraum zu schaffen, um diese Ausnah-mesituation psychisch und physisch be-wltigen zu knnen.

    Fazit fr die Praxis

    FIneinigenspeziellenFllensindpsy-chiatrischeErkrankungendieUrsa-chedafr,dassPatientenmitmigoderkaumausgeprgtenDermato-senunterderBefrchtung,eshan-delesichumeineTumorerkrankung,denDermatologenaufsuchen.Hieristeswichtig,demPatientendiedahin-terliegendepsychischeStrungdeut-lichzumachenbzw.zuversuchen,denPatientenvonderHarmlosigkeitdesBefundeszuberzeugenoderihnimanderenFallbehutsameinerPsy-chotherapiezuzufhren.

    FHufigerinderPraxiswerdense-kundrepsychischeStrungenbeivorhandenemHauttumorsein,dienebendemhohenfachlichenWis-seneinegroeSensibilittundKraftvondembetreuendenDermatoon-kologenfordern.Fhltsichderein-zelnebetreuendeDermatologehierandenGrenzenseinerKraftoderMglichkeiten,stellenBalint-Grup-penoderSupervisionenhilfreicheUntersttzungenundEntlastungendar.

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  • Korrespondenzadresse

    Prof. Dr. K.-M. TaubeKlinikundPoliklinikfrDermatologieundVenerologie,Martin-Luther-UniversittHalle-WittenbergErnst-Kromayer-Str.5,06112Halle(Saale)klaus-michael.taube@uk-halle.de

    Interessenkonflikt. DerkorrespondierendeAutorgibtan,dasskeinInteressenkonfliktbesteht.

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    Fr Autoren

    KasuistikenverfassenEindrucksvollbebilderteFallbeispielekompaktundstrukturiertdargestellt

    SehrgeehrteAutorin,sehrgeehrterAutor,

    wirfreuenuns,dassSiedieZeitschriftDerHautarztmit-gestaltenmchten.FreizurPublikationeingereichteKasuis-tikenzeigeninteressanteFallbeispieleundungewhnlicheKrankheits-undBehandlungsverlufe.DamitunsereLeserdengrtmglichenNutzenausderLektreIhresBeitragsziehenknnenundumsetzbareHinweisezuDiagnostikundBehandlungerhalten,mchtenwieIhnenmitderfolgendenChecklistegernebeiderManuskripterstellungbehilflichsein.

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    Professor Dr. Alexander KappKlinikfrDermatologie,AllergologieundVenerologie,MedizinischeHochschuleHannover,OE6600,Carl-Neuberg-Str.1,30625Hannover,E-Mail:derma@mh-hannover.de

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    Leitthema