Die Frage der meningealen Permeabilität während und nach der Malariabehandlung

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    10-Jul-2016

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  • Vonkennel: Die Frage der meningealen Permeabilitgt usw. 149

    46. Herr Vonkennel-Miinehen: Die Frage der meningealen Perme- abilit~it w~hrend und nach der Malariabehandlung.

    1892 wies Cavazini zum erstenmal den l~bertritt verschiedener Substanzen vom Blut in den Liquor nach, er versuehte damit die Liquorphysiologie zu klhren, und heute steht dieses gleiche Thema noch den namhaftesten Autoren zur Diskussion. Die Waltersche Brommethode hat sich nun das Reeht erworben, in die klinisehen Methoden eingereiht zu werden, die die Permeabilit~t der Meningen, die Funktion der Barriere encephalique, die Physiologie und Patho- logie des Liquorkreislaufes -- des dritten Kreislaufes, wie ihn Cushing nennt -- zu priifen. Der Permeabilit(~tsmeehanismus kann ehemisch- physikalisch angenommen werden -- Stern stellt vor das nervSse Parenehym einen intermedi~ren Mechanismus in der Art eines Sehntz- walles, und an dem gegensi~tzliehen Verhalten gegeniiber dem Tetanus- toxin, das frei in das Cerebrum gelangt, und dem Antitoxin, das nieht passiert, demonstriert er die elektive Wirkung dieses Filters. Das materielle Substrat dieser Funktion ist wohl haupts~ehlich im Plexus chorioideus zu suchen, doch kann sich das Ventrikelependym, die gesamte Auskleidung der den Liquor enthaltenden l~i~ume an dem Permeabiliti~tsvorgang be- teiligen. Den therapeutischen Uberlegungen w~re wohl hauptsgehtich eine Steigerung desselben genehm und die intralumbale Applikation des Salvarsans oder die Versuche, Salvarsan in Urotropin zu ]Ssen, umes yon der ]eichten Permeabilit~t dieses Medikamentes gewisser- maften mitreiBen zu lassen, resultieren aus den bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiet. Doch kann Ran naeh den Versuchen Sti~hmers, Weichbrodts und zahlreieher amerikanischer Autoren annehmen, daft das heutige Mehrkurensystem den zeitlichen und quantitativen Be- dingungen fiir das Eindringen des Arsens in Gehirn und Liquor geniigt.

    Beachtenswert an allen Iriiheren Untersuchungen ist nun, daft gewisse Xrankheitszust~nde die Permeabilit~t steigern k6nnen. Es sind das natiirlich in erster Linie die akuten meningitisehen Prozesse; 1911 konnte Weil die erh6hte Permeabiliti~t bei Paralyse fiir Hammelblut- h~molysine nachweisen. Die Permeabilit~tssteigerung, die Heilig und Ho[[ w~hrend der Menses and Benda in der 2. H~lfte der Gravidit~t festste]lten, wiirden evtl. die Pathogenese der psychischen Alterationen dieser Epochen kl~ren, doeh k6nnen wir, wie Bi~chler und andere Autoren, bei kliniseh and serologisch liquorgesunden Patienten ihre Angaben nicht best~tigen. Fiir den Venerologen ist nun wichtig, dal~ Biding und Weichbrodt im Recurrensanfall eine Durchl6eherung des Sehutz- walles der Blut-Liquorschranke feststellten, sie weisen selbst auf eine eventuelle therapeutisehe Ausniitzung dieser Erscheinung hin. Dem- entsprechend haben sehon Gerstmann u. a. die Vermutung ausgesprochen, dab auch bei der Malaria eine Permeabiliti~tssteigerung stattfindet

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    nnd die lokalen Prozesse w~hrend der Malariaanf~lle, die .Freeman ~n Paralytikergehirnen konstatierte, weisen unbedingt darauf hin, selbst wenn man sie im Sinne der Bierschen Heilentziindung zu deuten geneigt ist. Will man der Permeabiliti~tssteigerung der Meningen durch die Impfmalaria und ihrer eventuellen chemotherapeutischen Nutz- niel~ung auch nur ein Geringes an den Heilungsergebnissen zusprechen, so verlangt die Aufstellung dieser These dennoch eine pathologisch- anatomische, liquorphysiologisehe, klinisehe und experimentelle Be- grfindung.

    Die pathologisch-anatomischen Ver~nderungen am Gehirn bei Malaria wurden schon yon Laveran beschrieben. Es bestehen ausfiihr- liehe Untersuchungen auf diesem Gebiet. Analog den Veri~nderungen an anderen Organen -- Leber, Niere, Milz --, wo Bindegewebsentwick- lung, Cirrhose beobaehtet wird, linden sich auch im Gehirn stark aus- gepr~gte Erweiterung und Blutiiberffillung der Gef~l]e, Veranderung ihres Endothels. Sic sind zuweilen dutch zellige Pigments und Plas- modien verstopft, man finder Blutergiisse und die Nervenzellen selbst bieten verschiedene Erscheinungen der Tigrolyse, der AuflSsung der Nisslschen KSrperchen. Diese lokalen malarisehen Prozesse an dem topographisehen Substrat der Permeabilit~tsfunktion mfissen doch aueh ~iquorphysiologisch in Erscheinung treten. Uber Lymphozytose bei Malaria im Liquor berichtet l~ubino; Aubry land eine solche in 10% und die Arbeiten Heinemanns sind die jfingste Besti~tigung dieser Tatsaehe. Er registriert immer wieder F~lle mit Zellvermehrung, positiven Globulinreaktionen, Ver~nderungen der Goldsolkurve land er in 65 % und hier k6nnen aueh wir l~alle anfiihren, die bei Punktion mitten im Anfall Pleozytose, vermehrten Eiwei6gehalt und Abwei- ~chungen der Kolloidkurven zeigten. Mit der Kupierung waren alle Erseheinungen verschwunden. Diese Ver~nderungen im Gehirn und Liquor kSnnen v611ig die Pathogenese der polymorphen klinischen Symptome yon seiten des Nervensystems w~hrend der Malaria, wie Kr~mpfe, Myasthenie, Psychosen usw. erkl~ren. Hier scheint es uns nur wichtig, darauf hinzuweisen, dal~ nieht das Fieber an sich die Psychose ausl6st, sondern das Plasmodium. Wir sahen selbst, wie Bethge, Initialdelirien einerseits und intermittierende Psychosen ohne Fieber andererseits.

    Zur experimentelIen Begrfindung der Permeabilit~tssteigerung der Meningen durch die Malaria benutzten wir die Waltersche Brommethode, die den Ubertritt des leicht diffusiblen Anion Brom in den Liquor, seine kolorimetrisehe Feststellung zur Grundlage hat und im Permea- biliti~tsquotienten das Verh~ltnis der Liquorbrommenge zur Blut- brommenge angibt. Je kleiner der Quotient, desto grS~er der Uber- tritt, desto wirkungsvoller die Permeabilit~tssteigerung. Die ~iir dieses

  • u Untersuchungen fiber Bi-Ablagerung im normalen usw. 151

    ~hema fixierten Ergebnisse betreffen nur liquorgesunde Patienten, und dab die Resultate nicht irgendwelehe accessorische Faktoren be- einfluBten, wurde besonders beaehtet. Es fand sich nun, dab der nor- male Quotient yon 3,4 schon w~hrend des Initialfiebers eine Steigerung der Permeabiliti~t auf 2,8 erfahren kann. Wiihrend der Fieberanf~lle landen sich Exkursionen bis zu 2,2, die in den fieberffeien Stadien die untere Grenze der Norm wieder erreichten. Wurde die Malaria ]atent, dann kehrte die Permeabilit~t mit solcher Sicherheit zur Norm nnd dariiber zuriick, dab aus ihrem Verhalten prognostisehe Schlfisse ~iir den Ablauf des Fiebers m6glich waren. Ebenso konnte mit der :Kupierung fast eine Verminderung des Bromiibertrittes festgestellt werden, die bei der folgenden ehemotherapeutischen Nachbehandlung noch mehr zunahm. Auf Grund der gleichen Erfahrungen nach der Malaria betont daher Walter, dab man die medikament6se Behandlung m6glichst unmittelbar an die Fieberattacken anschlieBen miiBte, am

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