Die Behandlung von Schallempfindungsstörungen und anderen Formen der Schwerhörigkeit mit künstlichem Fieber

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    12-Aug-2016

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  • Archly Ohr- usw. Heilk. u. Z. tIals- usw. Heflk., Bd. 157, S. 562--580 (1951).

    Aus der Universit~tsklinik fiir I-Ials-, Nasen-und Ohrenkrankheiten Erlangen (Direktor: Professor Dr. JosrF BECK).

    Die Behandlung yon SchallempfindungsstSrungen und anderen Formen der Sehwerhiirigkeit

    mit kiinstlichem Fieber*. Von

    $OSEF BECK und HANS FICKENTSCHER.

    Mit 7 Textabbildungen,

    (Eingegangen am 13. November 1950.)

    Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag vorwiegend zur Therapie der SchallempfindungsschwerhSrigkeiten liefern. Es wurde diese Art yon SchwerhSrigkeit zum ersten l~ale mit kfinstlichem Fieber zu bessern ver- sucht.

    Die Behandlung tier SchallempfindungsstSrung ist immer nur ein Versuch geblieben, und die versehiedenen therapeutisehen ~a~nahmen haben sich mehr oder weniger bew~hrt.

    BE~B~ICH eharakterisierte die sogenannte AltersschwerhSrigkeit als eine vom Alter unabh~ngige Erkrankung, die in erster Linie durch eine StoffwechselstSrung, die I-Iypercholesterini~mie, bedingt ist. Thera- peutisch wurden Calcium, Diuretin, Rhodan angewandt. Koch nahm fiir die Entstehung dieser InnenohrstSrung eine unzureichende Durch- blutung, wie sie bei Hypotonie und Spasmen infolge vegetativer l~egu- lationsst6rungen eintritt, an und behandelte mit I-Iormonen, wie Testo- viron, Anecton, Perandren und Progynon. Von KAV)~TA wird fiber 4 jugendliche Fiille mit hochgradiger SchwerhSrigkeit berichtet, in deren Anamnese keine ~tiologisehen Anhaltspunkte vorhanden waren. I~ach Vitamin B1-Gaben zeigten 3 Fi~lle deutliehe Erleiehterung der Be- sehwerden.

    Das Pilocarpin wurde ebenfalls in die Therapie eingefiihrt. K~TAGAWA applizierte Pilocarpin als wiil3rige LSsung in die PaukenhShle oder in die Retroauriculargegend. In 43 ~o der Fi~lle zeigte sich bei SchwerhSrigen mit Affektion des Innenohres eine Verbesserung der H6rfiihigkeit. LUCAE schreibt dem Pilocarpin eine spezifische hSrverbessernde Wirkung auf d~s H6rorgan zu, besonders bei Schwindelerseheinungen und Verdaeht auf eine Komptikation mit Labyrintherkrankung.

    * Herrn Professor ZANOE zum 70. Geburtstag.

  • Die Behandlung yon SchMlempfindungsstSrungen usw. 563

    ~1. BECK hat 1923 das Strychnin in die Behandlung der Cochlearis- und Vestibulariserkrankungen eingeffihrt. W~hrend aber der Vestibularis auf Strychnin zum Teil ganz auffallend gut reagierte, traf dies ffir den Cochlearis viel weniger zu. Bei den l~berlegungen, die zur Anwendung kiinstlichen Fiebers und zur Einffihrung der Pyriferkur bei Erkrankungen des Cochlearis ftihrten, ging J. BECK yon der gfinstigen Wirkung der Malariakur bei der Paralyse aus und glaubte, es miigte in ~hnlieher Weise aueh eine Umstimmung mit Besserung der physiologisehen Funktion im Bereiehe des geseh~digte n Cochlearis gelingen. So erwies sieh ihm sehlieg- lieh das Pyrifer als das geeignete ~ittel, das in unserer Klinik seit 2--3 Jahren in geeigneten F~llen zur Anwendung kommt.

    MArx wandte systematiseh die Diathermiebehandlung bei einer Reihe yon F~llen an. Er sah jedoeh keine wesentliehen Besserungen.

    MAx ~u ftihrte die groge Suboeeipitalpunktion zuerst zur Be- handlung der 0toslderose ein. Sparer wurde sie auch bei der degenerativen SchwerhSrigkeit durchgeffihrt, da er aueh bei ihr eine wesentliehe Besserung der HSrf~Lhigkeit feststellen konnte. BII~I~HOLZ berichtet, dab HOLMmz~ bei 3 Fi~llen yon nervSser Schwerh6rigkeit (z. B. als Detona- tionsfolge) Besserung dureh Lumbalpunktion sah. In diesem Zusammen- hang seien aueh GRAHE, SEELIGMANN and ZAVISKA erw/~hnt. Sie konnten ebenfalls dureh LumbMpunktion HSrverbesserungen erreiehen. Es wurden augerdem noeh Sehwitzkuren versueht.

    M~3LW~,lZT und Voss versuehten mit Hilfe des Ultraschalls eine hSr- verbessernde Wirkung auch bei InnenohrsehwerhSrigkeit zu erzielen. Einige Zeit vorhcr wurde diese Methode an der Mfinehener Universitiits- ohrenklinik, jedoeh ohne Erfolg, versueht.

    Eine Beurteilung der angefiihi~en Behandlungsmethoden liegt nieht im Sinne der Arbeit. Die Aufz~h]ung diente uns nur, um nochmals zu zeigen, welch eine Vielfalt yon Therapeutiea aufgeboten wurde, um dieses Krankheitsbild bessern zu helfen.

    Ffir die Pathogenese sind die versehiedensten Ursachen verantwort- lich zu maehen. Wir gestatten uns, die Gliederung yon MARx fiir diesen Abschnitt zu verwenden.

    Anlagefehler und Minderwertigkeit des I-[Srorgans, z. B. dureh here- diti~re Belastung stellen eine Ursaehe dar.

    Durch Giftwirkungen kann es ebenfalls zu einer Labyrinthseh~digung kommen. HEGE~m~ besehrieb unter anderem SchwerhSrigkeiten, die naeh rheumatischen Erkrankungen auftraten. Trotz Sehwitzkuren waren keine Besserungen zu erzielen. FI~EY konnte Faeialisl~Lhmungen nebst Schwer- hSrigkeit bei rheumatisehen Erkrankungen beobachten. SCgME~GL]~I~ berichtet in einer neueren Arbei~ fiber Behandlung akuter rheumatischer

  • 564 J. BECK und H. FICKENTSCtIER:

    und allergischer Krankheitsbilder mit Pyrifer. E r erzielte erstaunliche Besserungen, so dab an die Behandlung yon SehallempfindungsstSrung, hervorgerufen wahrscheinlich durch rheumatische Genese, mit kfinst- liehem Fieber zu denken war.

    ~OEN]~ beschrieb H6rst6rungen naeh Influenza. LEWIN unter- suchte 15 F/~lle, die an genuiner Diphtherie gestorben waren und land in 7 F/illen VerEnderungen der Nervensubstanz durch die Toxinwirkung. ALEXAnDeR land naeh l~asern hochgradige Atrophie s~mtlieher Nerven- endzellen ohne wesentliehe Atrophie des Nerven und seiner Ganglien. SIEB~NMAZq~ betont, dab Infektionskrankheiten das Hinzutreten yon Nervenver~nderungen zu einer Stapesankylose begfinstigen, l~oos fand ebenfalls Labyrinthver~nderungen nach l~asern. K. B~cK schrieb fiber den EinfluB yon Bakterientoxinen auf das HSrorgan.

    WITTM~CK dachte zuerst an eine toxisehe Neuritis ~custiea. Er kam aber sp/~ter zu der Erkenntnis, dab die meisten F~lle auf Degeneration beruhen. Die Toxine sind ffir die pathologischen Ver~nderungen ver- antwortlich zu maehen. W~,RNV, R stellte ebenfalls lest, dab es sich bei den Intoxikationen nicht um eine Neuritis, sondern um Degeneration im Ganglion, im Cortisehen Organ und in den peripheren Nervenfasern handelt.

    AuBer den Toxinen sind auch noeh die gewShnliehen Gifte in Betraeht zu ziehen. WITTMAACK beschrieb die sch~digende Wirkung des Chinins, FLODQVISTA die des Nicotins, ebenso ZAVISKA, GARAIqT auf das HSrorgan. SI~BV, NMANlq stellte bei Intoxikationen (Arzneimittel, Diabetes) Seh/~di, gungen fest. WERN~R bringt eine anschauliche Tabelle fiber die gewShn- lichen Gffte und deren Einwirkungsstellen auf das H6rorgan.

    Die Arteriosklerose sell ebenfalls eine Ursaehe dieser Art von Sehwer- hSrigkeit sein.

    Das patho!ogisch-anatomische Substrat ist unterschiediieh. Es linden sieh Atrophie des Cortischen Organs, Ver~nderungen im Ganglion spirale, an den feineren Nervenverzweigungen, am Stamm des Nervus cochlearis. Die ~embrana tectoria zeigt manchmal ebenfalls Ver/~nde- rungen.

    Als weiterer Grund gelten qualitative und quantitative Vergnde- rungen der Lymphflfissigkeit. Der hypothetische Labyrinthhydrops soll naeh WITT~CK einerseits zur posthydropischen Degeneration und andererseits zur Labyrinthnekrose ffihren (WITT~CZ, ST~trm~R, R~o~) . Die ablehnende Kritik der Tonuslehre durch W~g~R erstreekt sieh auf die Deutung der human-pathologisehen Befunde. Von seiner Kritik wird die l~Sgliehkeit, dab die Bildung der Endo- und Perilymphe in anderer Weise gest6rt ist, und dab der hydrostatische Druck als soleher eine Rolle im Labyrinth spielt, n~tfirlich nicht berfihrt. O~ nimmt an,

  • Die Behandlung yon SchallempfindungsstSrungen usw. 565

    dab durch den Verschlu$ der Aquaeducte verschiedene Ektasien ent- stehen. Es k~me also ebenfalls zu einem Hydrops.

    In einer Arbeit fiber histologische Ergebnisse bei Kleinhirnbrficken- winke]s mit sogenannten Otolithensymptomen weist J. BECK 1930 auf die mSglichen Stauungserscheinungen im Innenohr hin. J. BECK ffihrt an, da$ es als Folge des erhShten Hirndruekes zu verKnderten Druckverhi~ltnissen im Peri- und Endolymphsystem kommen kann. Inwieweit etwa Ver~nderungen in der chemischen Zusammensetzung der Peri- und Endolymphe einen EinfluB auf das spezifische Gewicht der- selben ausfiben und damit ebenfalls die Sehwingungsbedingungen des Flfissigkeitssystems beeinflussen, entzieht sich noch unserer Kenntnis (J. BECK). Bei Resorptionsbehinderung oder bei (vegeto-neurotischer) Hypersekretion kann es nach KOBRAK ZU einer kritischen Stauung an den Sehleusenengen mit folgendem Hydrops kommen. Den Innenohrschaden bezeichnet er deshalb als Labyrintholymphosis neurodegenerativa. Dem fortlaufenden yon morphologischen Veri~nderungen abhi~ngigen Krank- heitsbilde dieser beiden Formen yon progressiver SchwerhSrigkeit (Otosklerose und Innenohrschaden) gesellen sich akute oder sehleichende Verschlimmerungen hinzu; diese scheinen mit labyrinthi~rem Hydrops zusammenzuh~ngen, dessen hypersekretorische Natur vermutet, aber nicht behauptet werden kann.

    Das Heilfieber greift besonders in die vegetoneurotischen Regula- tionen ein und ist deshalb aus diesen noch genauer auszuftihrenden Gesichtspunkten anzuwenden.

    Eine Herabsetzung des Alkalenzgrades soll nach MArx eine H6r- verseh]echterung herbeiffihren kSnnen.

    Die vergleichende Pathologie mit der Ophthalmologie ergeben weitere Richtlinien und Beweise ffir unsere Behandlungsmethode. Die folgende Betrachtung wird nut kurz geraint, da in einem sp~teren Kapite] r~och ausfiihrlicher darauf eingegangen werden muG.

    THIEL sah sich durch die guten Erfolge, die bei der Beh~ndlung neurologischer Systemerkrankungen mit Pyrifer gemacht wurden, ver- anlaBt, dieses Mittel regelm~Big bei Entzfindungen und beginnender Atrophie des Sehnerven zu verwenden. HEINI schreibt, dab sieh am besten bei der t~bisehen Atrophie des Sehnerven eine milde Fieber- behandlung mit Pyrifer, unterstfitzt durch Jodtherapie, bew~hrt hat. Das Neosalvarsan dagegen zeigte keinen therapeutisehen Effekt.

    Die im Bereieh des Opticus gemachten Wahrnehmungen verdiene, nach UHTI~O~F sowohl in klinischer als auchin anatomiseher Hinsicht mehr zum Ausgangspunkt al]gemeiner Betracl~tungen gemacht zu werden. Dazu soll yon HEGENER abschlieBend angeffihrt werden, dab der Acusti- cus in seinem anatomischen Verhalten dem Optieus wohl ~m n~chsten

  • 566 J. B~e~: nnd H. FICKENTSCHER:

    kommt and hier der Vergleich ~m ersten gerechtfertigt ist. Es folgt nun der Bericht fiber 6 Falle von Sehallempfindungs- und fiber 2 F~lle yon SehalleitungsstSrung. Insgesamt wurden bis jetzt 22 Fiille mit dieser Me- thode behandelt. Davon waren es 20 Fi~lle yon SchallempfindungsstSrung.

    An dieser Stelle mSchte ich meinem hochverehrten Chef, Herrn Professor BEcx, ffir die Anregung zu dieser Arbeit danken.

    Die Zahl der mit kfinstl ichem Fieber behandelten F~lle mug selbs~- verstandl ich noch vergrSl3ert werden. Wir haben uns aber schon jetzt zu einer VerSffentlichung unserer Fglle entsehlossen, da wir damit die Mitarbeit und Kr i t ik anderer Kl iniken erhoffen.

    1. Hans Sch., 31 Jahre. Patient war schon 5fters wegen Ohrenlaufen bds. in Behandlung. Hatte frfiher Scharlaeh.

    Beide Trommelfelle wiesen gro~e, aber noeh zentrale Perforationen auf. PaukenhShlenschleimhaut war reaktionslos.

    Im Audiogramm zeigte sich eine Schalleitungsst5rung. Dieser Befund stimmte auch mit unseren Stimmgabeluntersuchungen iiberein. Der Pat. bekam insgesamt 4 Injektionen mit einer H5ehstdosis yon 400 E Pyrifer. Die HSrverbesserung zeigte sieh besonders ffir hohe Laute. Das Audiogramm ergab eine Verbesserung der HSrwerte, besonders ffir das re. Ohr.

    2. Martha B,, 36 Jahre. Bei der Patientin handelte es sich um einen chronischen Adh~sivprozel3 re..naeh Otitis media aeuta. Es wurde aui3er einer Fieberkur keine weitere Behandlung durchgeffihrt. Das HSrvermSgen war ffir Sprache li. normal.

    Nach der Kur zeigte sieh re., sowohl im Audiogramm, als auch ftir Sprache eine wesentliche Besserung.

    Es soll noch erw~hnt werden, daft unsere HSrprfifungen vor und nach Tuben- katheterismus durehgeffihrt wurden und keine J~nderung zeigten.

    3. Konrad G., 10 Jahre. Dieser Pat. hatte einige Monate vor der Klinikauf- nahme Grippe. Seitdem SchwerhGrigkeit re. Die Trommelfelle waren blaB, reizlos, gesehlossen. Die calorisehe Vestibularisprtifung zeigte bds. normale Erregbarkeit.

    Wa.R. war negativ. Auch bei unseren anderen Pat. mit Schallempfindungs- stSrungen war der Wa.R. stets negativ. W~rme, Luftdusche brachten keine Besserung. Nach einer Strychninkur verschwand zwar das Schwindelgefiihl, das HSrvermSgen blieb unbeeinfluBt.

    l~ach der Fieberkur zeigte sich eine wesentliche Verbesserung ffir das HSren yon Flfistersprache und im Audiogramm. Das li. Ohr zeigte von Anfang an fast normale Werte.

    4. Johann H., 38 Jahre. 1942 explodierte in unmittelbarer l~he des Pat. eine Granate. Seit dieser Zeit hSrte er schlechter und hatte starkes Ohrklingen. ])as HSrvermSgen nahm in den letzten Monaten weiter ab. Es handelte sich um eine SchallempfindungsstSrung. Nach der Kur zeigte sich eine wesentliche HSr- verbesserung sowohl im Audiogramm, als aueh ffir hohe Laute bei Fliistersprache.

    Das Ohrklingen hatte stark nachgelassen, war jedoch noch vorhanden. Trommelfelle blab, reizlos, geschlossen. Trotz Luftdusche, Monotrean und Strychninkur konnte vorher keine Besserung

    erzielt werden.

  • Die Behandlung yon Schallempfindungsst6rungen usw. 567

    5. Adol] Sch., 30 Jahre. Hicr handelte es sich um einen Pat., der yon Jugend auf schlecht hSrte. Die SchwerhSrigkeit h~tte im Laufe der Jahre zugenommen. Hatte mehrmals Mittelohrentzfindung. Keine Ohrgerausche, keinen Schwinde].

    Trommclfelle waren getrfibt, jcdoch gescMossen und nur m/~Big eingezogcn. Im Audiogramm zeigte sich eine starke SchallempfindungsstSrung. Nach der

    Kur besserte sich besonders das re. Ohr. Das zweite Audiogramm zeigt den Befund 7 Wochen nach der Kur. Die H5rkurve hatte sich auch gegenfiber dem Entlassungs- befund verbessert.

    6. Johann R., 46 Jahre. ttier handelte es sich um einen besonders interessanten Fall. Zuerst bemerkte der Pat. Nachlassen der ttSrkraft auf dem li. Ohr. Einige Jahre sp/~ter trat auch auf dem re. Ohr SchwerhSrigkeit auf. Trotz Warmebehand- lung, Trommelfellmassage keine Besserung. Seit dem Frfihjahr 1949 wesentliche Verschlechterung des HSrvermSgens. Die audiometrische Untersuchung ergab eine hochgradige Schallempfindungsst6rung. Die calorische Vestibularisprfifung ergab bei der Aufnahme den gleichen Befund wie einige Wochen vorher: ])as li. Labyrinth war nicht erregbar und das re. Labyrinth war stark untererregbar.

    Am Abend vor Beginn der Kur bekam der Pat. einen Anfall, der an Morbus Meni~re denken lief]. Wir begannen vorsichtig mit der Fieberkur (25 E). Nach der ersten Fieberzacke zeigte sich folgendes Verhalten dcr Labyrinthe.

    Re. Labyrinth normal erregbar. Li. Labyrinth untererregbar, jedoch gcgen vorher erregbar.

    Die Kur wurde gut vertragen und es zeigte sich kein derartiger Anfall mehr. Die zweite Kurve wurde 6 Wochen nach der Kur aufgenommen und zeigte

    eine wesentliche Verbesserung besonders ffir das re. Ohr. SchwerhSrigkeiten, deren Beginn kfirzer zuriicMicgt, ergeben anscheinend ein besseres Ergebnis nach der Fieberkur als schon lange bestehende SchwerhSrigkeiten.

    7. Walter W., 58 Jah~e. Vor 3 Monaten bemerkt der Pat. deutliches Nachlassen seiner H6rkraft. Pat. hatte 5fters Erk/~ltungen.

    Trommelfelle waren blal], geschlossen, eingezogen. Luftdusche brachte keine Besserung. Vestibularapparate waren normal erregbar. Pat. hatte Rauschen im re. Ohr, das ira Verlauf der Fieberkur nur gering nachlieB. Es zeigte sich im Audio- gramm und bei der H6rPriifung eine Schallempfindungsst6rung. l~ach der Kur bessertc sich besondcrs das li. Ohr. Die ]~esserung hielt an, wie Kontrolluntcr- suchungen bewicsen.

    8. Erich H., 33 Jahre. 1941 konnte Pat. nach Detonation einer Granate auf beiden Ohren 4 Wochen nichts hSren. Erst allm/~hlich stellte sich das HSrvermSgen wieder ein.

    Re. bestand st~ndig starkes Rauschen und herabgesetztes HSrverm5gen. ])as HSrverm6gen verschlechterte sich in den letzten Jahren wieder. Trotz Beta- biontabletten, Strychninkur, Paracentese konnte keine ]~esserung erzielt werden. Auch der Tubenkatheterismus brachte trotz guter Durchg~ngigkeit der Tuben keine Besserung.

    Die Kur wurde gut vartragen. Aus technischen Gvfinden konnte kein Audio- gramm angefertigt werden. Die HSrverbes~eru~g re. war ~vesentlich, wie aus der Kurve zu entnehmen ist.

    Beide Trommelfelle blaB, geschlossen, gering eingezogen. Re. Paracentese- narbe sichtbar.

  • 568 J . BECK und H . FZCKENTSCHmr

    20

    9 t0

    Notm~ 0

    Abb. 1. Atlas- Audiogramm Fall 1 Atlas- Audiogramm

    C C C ~ C 2 C 3 C (" C s C (I C c C ~ c 2 c 3 C t' c s C i 6.~ 12S ~'56 S12 ~2~ 20hS t.096 S l~ ~ 6& ~t28 2435 S~ 402t, ;*0~ k~i6 ~l~r2 PIz

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    Vor der Kur Nach

    Re. Fli~stersprache Li. Re. Fli~stersprache Li. a .c . t iefe Laute a .c . 0,5 m tiefe Laute a .c . 0,5 m hohe Laute 0,5 m 3- -4 m hohe Laute ca. 2 m

    Umgangssprache Umgangssprache --> WEBER WEBER W E B E R

  • Die Behgndlung von SchallempfindungsstSrungen usw. 569

    Abb. 3. Atlas- Audiogramm Fall 3 Atlas- Audiogramm C C C ~ C 2 C 3 C "{ C s C ('

    C c c1 C2 C3 C6 CS C ~ 6~. 128 75~ S~ la2~ ~0~-~ aO~ 81~ I~ 6/. q28 2S~ S~2 ~2~. 204g ~ogS ylg2 I-~ j

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    Re. Fli~stersprache 0,2 m tiefe Laute 0,2 m hohe Laute 0,2 m Umgangssprache

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    Abb. 4 . Atlas-Audiogramm C c c ~ C 2 C 3 C ~' 6& ~28 256 S~ ~ 2~

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    der Kur

    Li. I~e. 6 in 1,5 m 6m 4m 6m

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    Re. Fli~stersprache 6 m tiefe Laute 3 m hohe Laute 6 m Um~angssprache

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    Li. l~e. 6m 6m 3m 6m 6m 6m

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    c 6 (8192 Jffz) CI (32 :HZ)

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    Arch. 0hr - usw. Hei lk. n. Z. Ha]s- nsw, :l=iei]k. Bd. 157.

    Nach

    Fli~stersprache Li. tiefe Lante 6 m hohe Laute 6 m

    Umgangssprache 6 m --> WEBER WEBER

  • 570 J. :BECK und I-L F~OXENTSCHER:

    Abb. 5, C c

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    1:1 ~o

    Re. versch~rft a. c. versehi~rft a, e.

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    Abb. 6.

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    Atlas- Audiogramm. Fall 5 Atlas- Audiogramm.

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    Fli~stersprache Li. tiefe Laute versch~rft a. c. hohe Laute versch~rft a. c.

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    Die Behandlung yon SchallempfindungsstSrungen usw. 571

    Abb. 7. Atlas- Audio~ramm. Fall 7 Atlas- Audiogramm.

    C c c ~ c 2 c "1 c ~ C s C e C C C f C Z C a C ~' C s C e

    6~ ~28 2~;~ s~' ~ozt Z0~ ~OS@ 81~2 Hz 6~ ~28 25~ 512 ~)~ ZO~,g t, OgB 8~2 t-q

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    Vor der Kur Nach

    l~c. 2'li~stersprache a .c . tiefe Laute

    ~. c. hohe Laute

    Umffangssp rache 1 m tiefe Laute

    a .c . hohe Laute

    --> WEBER WEBER

  • 572 J. BECK und H. FICKEN~TSCttEI%:

    Von den 22 mit kfinstliehem Fieber behandelten Patienten zeigten 7 keine Besserung.

    Zur Vermeidung der Kopfsehmerzen gaben wit vor jeder Injektion 15 Tropfen Dolantin und konnten damit stets eine gute Wirkung erzielen, ohne den Fieberablauf zu beeinflussen.

    Auf Grund unserer Untersuchungen konnte eindeutig die Art der SehwerhSrigkeit festgestellt werden. Die Xtiologie der l~alle war unter- schiedlich und die Altersgrenze lag zwisehen 20 und 50 Jahren. Die Zu- nahme der SchwerhSrigkeit war meistens langsam und gleichmaBig (MxRx).

    Die Audiogramme bei den SchallempfindungsstSrungen wurden mit den Ergebnissen yon SCRUBERT verglichen, und sie zeigten ebenfalls einen steigenden bzw. gleiehbleibenden HSrverlust. Es waren auch immer die tiefen Frequenzen mitgeschadigt, entgegen den frfiherenAnnahmen. Die Annahme, dag eine Tubenaffektion vorliegen kSnnte, wurde dureh den Tubenkatheterismus widerlegt, da sieh danaeh keine HSrverbesserung zeigte.

    Die HSrverbesserungen in den Audiogrammen ab ]0 Dezibel standen einer Besserung des Spraehverstandnisses um einige Meter gegen- fiber. Tr SKoos bestatigt, dab sehon ein geringes Anwachsen der Dezibel- zahlen einer ttSrverbesserung yon etwa einem Meter Umgangssprache entspreehen.

    Die Ohrgerausehe zeigten bei unseren Fallen keine wesentliche Besserung. Es trat zwar in 5 Fallen eine Abnahme der Intensitat auf, jedoch konnten sie nicht zum Verschwinden gebraeht werden.

    Die ]4tiologie der Ohrgerausehe sieht SIEBENMANN und WITT~L~ACK in einer Alteration der chemischen Zusammensetzung der Labyrinthfliissig2 keit. Naeh den Ausffihrungen I~OBlaAKS sind sie auf eine Endolymphosis eoehlearis hypersecretoria paraeustica zuriiekzuftihren. SCgALTENBaA~D beobaehtete bei Verminderung des Liquordruckes Ohrensausen. I-I]~GENER glaubt, neuritische nnd degenerative Prozesse im Acusticus daffir verant- wortlich machen zu kSnnen. NEU~AN~ sieht degenerative Veranderungen der Ganglienzellen im Ganglion spirale als Ursaehe an. Ki~MMEL halt eine psychogene Komponente ffir wahrseheinlieh. W. KLEY konnte dureh Untersuehungen den tIinweis unterstreichen, dab Ohrgerausehe dureh einen Spasmus der Binnenohrmuskulatnr erzeugt werden kSnnen.

    Allgemeine Wirkungsweise des Pyri]er-Fiebers au] den Organismus. Die Fiebertherapie bedeutet bei akuten und chronisehen Infektions-

    krankheiten einen StoB ins vegetative Nervensystem, der tiber die vegetativen Zentren des Zwisehenhirns Abwehrreaktionen auslSst (I-IoFF, SPERAI~SKY ). Nach ttSRI~G wird die Wirkung des Pyriferschoeks als

  • Die Beh~ndlung yon SchMlempfindungsst6rungen usw. 573

    unspezifisehe Desensibilisierung bezeiehnet. Das kiinstliehe Fieber stellt also einen geiz auf die zentral nerv, Ssen gegulationen dar. VE~wo~ definiert als Reiz jede Ver~nderung einer Lebensbedingung, mag sie yon augen oder yon innen an die Zelle herantreten.

    Bei dem Studium der Erfolge und Ergebnisse mit ,,Pyrifer", die in einigen hundert Arbeiten angefiihrt werden, konnte maneher riehtungs- zeigende Hinweis gefunden werden.

    PIcK sprieht der Umstimmung des vegetativen Nervensystems bei der i~eizk6rper- und Fiebertherapie den nahezu allein entseheidenden Erfolg zu. Es ist abet ein Zusammenhang der gesam~en vegeta~iven t~egulationsvorgs als Grundlage fiir die unspezffische Therapie an- zusehen (I-IorF).

    Von I-Io~F wurden die Vergnderungen der Zusammensetzung des Blutes beim Menschen und im Tierexperiment bei ,,Pyrifer" griindlich erforseht, under fand immer einen zweiphasigen Reaktionsablauf. Es zeigte sieh, dab bei kiinstliehem Fieber eine myeloisehe Tendenz des Blutbildes besteht. Aul~erdem waren Caleium-IJbergewieh~, Aeidose, Hyperglyc~mie und Steigerung des Sympathieustonus festzustellen. Bei Fieberabfall traten lymphatisehe Tendenz, KMium-~bergewieht, Alkalose und Steigerung des Parasympathicustonus auf. Es treten also dureh Injektionen yon Bakgerienstoffen in dosierbaren lV[engen gleichartige Veri~nderungen morphologiseher, ehemiseher und physikaliseh-ehemischer Art im Blur, wi e bei natfirlichen Infektionen auf.

    Die unspezifisehe Therapie verlangt nach HOFF genaueste Beob- aehtung der Reaktion des Kranken und individuelle Dosierung. Von diesen l~iehtlinien liegen wit uns aueh bei der Behandlung unserer Patienten leiten. Es wurde bei allen Patienten eine st~ndige Blutbild- kon~rolle durchgefiihrt.

    Es folgen einige eharakteristisehe Blu~bildkurven, wie sie auch von HOF~ u. a. angefiihrt wurden.

    V:; 6000 50 E-~ h 8400

    100 E->~~ I 4800 8600

    100E-V~ 4800 ' l~acn L 8400

    Neutrophile

    1

    3 10 3

    14

    62 84 59 74 55 64

    33 14 28 9

    34 19

  • 574 J . BECK und H, F~CKEN~JSe~EP~:

    50 ~ Vor -~Nach

    100 ~ Vor -~Nach

    Zahl I tier

    Leukocyten

    7200 9800 8200

    15600 7800

    m o

    N

    Neutrophile

    3 22 7

    34 5

    48 34 60 12 66 18 54 4 68 22

    Zahl der

    Leukocyten 1

    Vor i 6200 _~. ~ Nach 5800 ou ~->Nach I 1800

    Naeh 3800

    7200 50 E -~: ;h 11400

    .

  • Die Behandlung yon SchallempfindungsstSrungen usw. 575

    einer Aktivierung der Retieulo-Endothelien. Im letzten Kapitel wird auf diesen Wirkungsmodus noch n~ther eingegangen.

    Das Studium der Arbeiten yon KUGELMEIEI~, WECttSLEI~, KOBRAK, SCl~ALTE~A~I) ffihrten uns zur Betrachtung der Liquorver~nderungen unter Einwirkung des fiebererzeugenden ,Pyrifer".

    Dies soll jedoch in einer gesonderten Arbeit angeffihrt werden. Tierexperimentelle Untersuebungen werden diese Ergebnisse fundieren helfen.

    Hypothese einer spezi/ischen Wirkungsweise des Pyri/er-Fiebers bei Schall- emp/indungsstgrungen.

    Auf die mSgliehe Beeinflussung der Peri- und Endolymphe durch das Pyrifer-Fieber muB hingewiesen werden. In der Arbeit fiber Liquor- ver~nderungen beim kfinstliehen Fieber wird darauf n~her eingegangen. Vor Mlem kann es im Gebiet des Inneuohres zu einer Resorptions- und Sekretions~tnderung kommen.

    Beim kfinstliehen l~ieber konnte KILLIAN naehweisen, dab Gewebs- wasser vermehrt in das Blur aufgen0mmen wird. Wenn bei der SehM1- empfindungsst6rung eine Labyrintholymphosis (KoBI~AK) besteht, so k6nnte es dureh vermehrte Resorption und IgormMisierung der Sekretion zu einer Druckentlastung kommen.

    Auch GLASIZMAI~br ~l. J-IELLER zeigen, dal] es zu einer ~nderung der Resorptions- und Sekretionsbedingungen im Bereich des Liquors bei Pyrifer-Fieber kommt. Bei 5Ieningitis naeh Grippe zeigten sich immer wieder Nachschfibe und Anzeichen yon tIydroeephalus internus mit schlieglieh bedrohlicher Verschleehterung. Dureh einmMige Pyrifer- Injektion (25 E) konnte Patient geheilt werden. RAECK behandelte einen postmeningitischen Hydrocephalus internus nach Versagen jeder sonstigen Therapie mit Pyrifer. Schon nach einer Injektion kam es zur voltst~tndigen Ileilung.

    Das Labyrinth ist ein Organ, das auf die mit Wasserretention einher- gehenden Druckschwankungen im Gewebs- und freien Liquor besonders rein (spezifiseh) reagiert (KoBRAK). Die Verbreitung sehr vieler Reize im Nervensystem erfolgt fiber die Gewebsfliissigkeit (mit dem Lymphstrom der peripheren Nervenst/~mme) und schlieBlich fiber den zirkulierenden Liquor (KUGELMEIER). Die Sehallwellen, die den adgquaten Reiz ffir das I-I6rorgan darstellen, werden ebenfalls fiber ein flfissiges Medium weiter- geleitet.

    G~os sieht die Beseitigung des 0dems im Nyelom, im Bereieh der Meningen bei spinaler Kinderl~hmung in einer Abdiehtung und Resorp- tionsfSrderung der Gef~gendothelien bei Pyrifer-Fieber.

  • 576 J. BECK und H. FICKENTSCHE~:

    Die Vergnderungen der osmotisehen Druekverhgltnisse in Peri- und Endolymphe kSnnten ebenfalls zu einer Besserung bei Schallempfin- dungsstSrungen fiihre n. Eine Besserung, wie sie MAx MEYEIr dutch seine gro~e Suboecipitalpunktion erzielte, ffihrt er heute nicht mehr allein auf die mechanisehe Druckentlastung zuriiek, sondern er glaubt vielmehr an eine biologische Erkl~rung.

    Die Erkl~rung fiir die Besserung unserer behandelten Sehallempfin- dungsstSrungen ist ebenfalls im Biologischen zu suchen. Eine weitere Rolle spielt der anatomisehe Bau des Aqu~duetus cochleae (A.c.). W]s~v~R und L~x haben den Aufbau nnd die Aufgaben des A.c. yon den verschiedensten Seiten beleuchtet und ausffihrlieh behandelt. Wir wollen nur einige fiir unsere Arbeit wichtigen Hinweise anfiihren. Die Ansichten, ob der A.e. mit den Liquorr~umen direkt in Verbindung steht odor nicht, habeIi his heute noeh keinen Absehlu~ gefunden.

    Naeh KOBICAK hat der A.e. nicht die Aufgabe, als Lymphern~hrungs- system regelmi~l~ig LiquorstrSmung zu vermitteln, sondern als ein physiko-physiologisehes Druekausgleichs- und Drueknotventil zu funk- tionieren.

    Nach J. G. WALT~ besteht eine kontinuierliche Membran, welehe in der Gegend der eoehlearen 0ffnung des A.e. letzteren yon der Scala tympani trennt. Sekretorisehe Fliissigkeitsvermehrung oder Verminde- rung im Endolymphraum und damit mSgliehe Drucki~nderungen im Perilymphraum werden nach SCEVOLA dureh die Flfissigkeitsregulierung dutch don A.e. ausgegliehen.

    Nach TANAKA finden sieh im A.c. retieulo-endotheliale Zellen, die den Kanal mit einem weitmaschigen Netz erffillen. Diese reticulo-endo- thelialen Zellen stellen eine Sehutzfunktion dar. ~ATSV~ORI sah bei Kaninehen, deren Milz entfernt worden war, eine tuberkulSse meningitis h~ufiger als bei Kontrolltieren auf die Labyrinthe iibergehen und erkl~rt dies durch eine Sch~digung des Aqugdnetgewebes und Verminderung seiner Schutzfunktion. Es ist deshalb wahrseheinlieh, dal~ dieses Gewebe dem RES angehSrt. Bei einer Umstimmungstherapie (Pyrifer-Fieber) kommt es besonders zu einer Aktivierung des I~ES.

    Allen ,,l~eticulo-Endothelien" ist die Fghigkeit gemeinsam, aus dem Blut oder sonstwie an sie gelangende Stoffe, aueh aus LSsungen, in besonderem ]Y[al~e zu speiehern und zu verdauen (~ERXgEIMER),

    Durch die Einspritzung bestimmter Chemikalien kann man diese Zellen zu erhShter Tgtigkeit reizen. Auch bei der sogenannten ,;Proto- plasmaaktivierung" und bei der Reiz-(ProteinkSrper)Behandlung werden die Reticulo-Endothelien aktivierL Durch das Pyrifer~Fieber kommt es zu einer Aktivierung dos gesamten I~ES, wahrseheinlfeh auch im A.c. Diese Zellen kSnnten dann bei den pathologischen Verhgltnissen ha Peri-

  • Die Behandlung yon Schallempfindungsst6rungen usw. 577

    und Endolymphe eine gesteigerte Resorption entwiekeln und den Druek ver~ndern helfen. Also ebenfalls eine Besserung fiber den Weg der Normalisierung ,der physiko-ehemisehen Verh~ltnisse im Innenohr. Dureh Tierexperimente mfiBte dies iiberprfift werden.

    Die Einwirkung des Pyrifer-Fiebers auf das Cortisehe Organ, Gang- lion spirMe, anf die Nervenfasern und auf den Nervus aeustieus ist eben- falls in Erw~gung zu Ziehen.

    Bei den degenerativen Vorg~ngen im Innenohr handelt es sieh um Atr0phien. Die im Anfangsteil der Arbeit angeftihrte vergleiehende Betraeh- tung mit der Angenheilkunde ist ~ bier noehmMs zu streifen.

    Naeh ]:[A31PERL, I~ERXHEIMER, SCIIIECK handelt es sieh bei der Tabes um eine Entar tung der nervSsen Bestandteile mit E rsatzwuehernng dureh Glia. Sie stellt einen degenerativen Vorgang dar, der aueh den Nervus optieus und N. aeustieus betreffen kann. TaI~L, I-IEI beriehten fiber Besserung bei tabiseher Sehnervenatrophie. Die Erfolge bei Tabes mit Pyrifer-Fieber sind in zahlreiehen Arbeiten niedergelegt. Naeh HILLER verwendet die Fieberbehandlung die alte Erfahrung, dab hoeh- fieberhafte Erkrankungen auf ehronisehe Prozesse einen ,,umstimmen- den", bisweilen heilenden EinfluB austiben kSnnen.

    Unsere angeffihr~en F~lle weisen alle eine zunehmende Versehleehte- rung des HSrvermSgens auf. Also liegt aueh hier ein fortsehreitender ehroniseher ProzeB, der st~ndig grSgere Teile des I-ISrorgans im hmenohr ergreift und ffir die Funktion untauglieh maeht, vor. Bei den Patienten mit SehwerhSrigkeit naeh einem akustisehen Trauma (z. B. Explosion) findet sieh ebenfalls eine Progredienz des pathologisehen Zustandes. Es braueht also nieht nut eine Seh~digung auf Grund des Traumas vor- liegen, sondern es handelt sieh wahrseheinlieh aueh hier um einen, aller- dings dutch das Trauma ausgelSsten, ehronisehen Prozeg, der weiter bestimmte Veranderungen im Innenohr hervorruft.

    Die Erfolge mit Pyrifer-Fieber in der inneren lViedizin und Neurologie sind unbestreitbar. Sehr aufsehlugreich ist das ~bersiehtsreferat yon ZIEG~LROTg. LAMPERT behandelte Nervenerkrankungen (Paralyse, multiple Sklerose, hartnaekige Isehias, Bronehialasthma) mit W~trme- kuren. Die Pyrifer-Kur ist jedoeh nieht allein eine Warmestanung, sondern aktiviert den Organismns in seinen Abwehrfnnktionen. I)er Wirkungsmeehanismus des Pyrifer-Fiebers bei den neurologisehen Er- krankungen ist leider in den vorliegenden Arbeiten nieht pr~zisiert.

    Dureh die angeftihrten Beispiele ist es durehaus denkbar, dab das Pyrifer-Fieber speziell auf die degenerativen Prozesse im Innenohr und in den Nerven einwirkt. SCl~trBERT ffihrt an, dab einmal degeneriertes Sinnesepithel oder degenerierte Nervenfasern nieht wieder funktions- tiiehtig werden. Naeh ALAGN~t besitzen die Ganglienzellen bei einem

  • 578 J. BECK und H. FICKENTSCHE~:

    gewissen Grade der Ver~nderungen noch eine l~egenerationsfiihigkeit. Die zunehmende Verschlechterung unserer Fiille zeigt, dM~ der Prozel~ im Innenohr fortschreitet. Der therapeutisehe Effekt der Pyrifer-Kur kSnnte sich Mso aul~er in der Beeinflussung yon Peri- und Endolymphe aueh auf den fortschreitenden degenerativen Prozel~ im Innenohr und seiner Nerven auswirken.

    Die st~rkere Durchblutung des Innenohres, wie sie KOCH ffir seine Hormonbehandlung Ms Ursache der Besserung ansieht, ist ~ueh im Fieber vorhanden. Die st~rkere Durchblutung kann auch nach demFieber anhMten, wie es KILnIA~ zeigen konnte.

    ~ach WALT~E~ sei nochmMs der wesentliche Effekt des Pyrifer- Fiebers zusammengefM~t.

    1. Umstimmung des Mlgemeinen Stoffwechsels. 2. Es entsteht eine Hyperthermie, die eine Kyper~mie im Gefolge

    ha~, mit t[erdreaktion am Ort der Entzfindung. 3. Veri~nderungen des Gef~l~bindegewebsapparates, die wir auf Grund

    der Permeabilit~tssteigerung der Blut-Liquor-Sehranke vermuten.

    Zusammenfassung. 1. Uberblick fiber den heutigen Stand der Therapie der Schall-

    empfindungsstSrungen. Es wird dann auf ihre Pathogenese und ihr pathologisch anatomisches Substrat eingegangen. Eine vergleichende Betrachtung mit der Pathologie der Augenheilkunde wird angestellt.

    2. Es wird fiber 22 F~lle yon SchwerhSrigkeit berichtet, die mit Pyrifer-Fieber behandelt wurden. 15 F~lle konnten gebessert werden. Die Ohrgeritusche konnten nur in 5 F~llen gebessert werden. Die Atiologie der Ohrger~usche wird erw~hnt.

    3. Auf die nachweisbaren Ver~nderungen im Organismus durch Pyrifer wird eingegangen. Blutbild, I-Iarn, ZS~S und RES werden an- geffihrt. Kurven fiber Blutbildveri~nderungen zeigen stets die be- sehriebenen Gesetzmgi~igkeiten (HoF]~ u. a.).

    4. Es wird der Versuch unternommen, die Wirkungsweise des Pyrifer- Fiebers bei SchallempfindungsstSrungen zu erklgren. Theorie fiber die Beeinflussung der l~esorptions- und SekretionsEnderungen und der chemischen Zusammensetzung der Peri- und Endolymphe. VerhMten des A.c. Es wird auf das I~ES n~her eingegangen und aufgezeigt, dab es zu einer Aktivierung des lgES ira A.e. kommen kann: Es ki~me also zu einer Druckentlastung im Innenohr wie bei der groBen SuboecipitMpunktion yon MAx 1V[Eu jedoch unter Berfieksichtigung biologischer Momente. Zum SchluB wird auf die spezielle Einwirkung des Pyrifer-Fiebers auf die degenerativen VorgEnge im Innenohr eingegangen und mit Beispielen aus der inneren )/[edizin und Xeurologie zu festigen versucht.

  • Die Beh~ndlung yon SchaUempfindungsstSrungen usw. 579

    5: Wi r haben bei unseren Pat ienten die FieberstSl~e 3 - -4mal wiedcr-

    holt . Im a l lgemeinen werden die F ieberkuren mi t 8 - -10 In jek t ionen

    durchgef f ihr t . Der A l lgemeinzustand der Pat ienten , die erste Anwendung

    yon FieberstSl~en in unserem Fachgebie~ gebo~ uns, die Fiebers~51~e unter

    dem i ib l ichen ~af t zu ha l ten . E ine Schgd igung konnten wir n icht

    beobachten . Die A l lgemeinsymptome, wie Kopfschmerzen , verh inder ten

    wir durch 15- -20 Tropfen Do lant in vor der F ieberspr i t ze . Die we i te re

    Durchf~hrung dieser Behand lungsmethode wi rd durch Auswah l geeig-

    neter Pat ienten eine endgi i l t ige Fes t legung des Ausm~Bes der F ieber - therap ie best immen.

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  • 580 BECK u .F~c] (~N~sc~: Behand lung yon SchMlempf indungss~6rungen usw.

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