Aktuelle Kontroversen der Neuroethik; Current controversies in neuroethics;

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    23-Dec-2016

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  • Nervenarzt201384:11631164DOI10.1007/s00115-013-3731-xOnlinepubliziert:25.September2013Springer-VerlagBerlinHeidelberg2013

    R.J.Jox1B.Schne-Seifert2K.Brukamp31InstitutfrEthik,GeschichteundTheoriederMedizin,Ludwig-Maximilians-Universitt,Mnchen2InstitutfrEthik,GeschichteundTheoriederMedizin,WestflischeWilhelms-Universitt,Mnster3ArbeitsbereichGeschichtederMedizin,UniversittsmedizinRostock,UniversittRostock

    AktuelleKontroversenderNeuroethik

    Krankheiten des Nervensystems und des Gehirns sowie deren medizinische Be-handlung sind nicht selten mit Vernde-rungen im Denken, Fhlen und Verhal-ten assoziiert. Dadurch werfen sie hu-fig ethische Fragestellungen auf, die sich von der allgemeinen Medizinethik abhe-ben. Das aufstrebende Feld der Neuro-ethik befasst sich mit diesen Fragestel-lungen vor dem Hintergrund der rasan-ten Entwicklung der Neurowissenschaf-ten und ihrer tief greifenden Auswirkun-gen auf Medizin und Gesellschaft. In die-ser Ausgabe von Der Nervenarzt werden in exemplarischer Auswahl einige aktu-elle und komplexe neuroethische Proble-me diskutiert. Notgedrungen bleiben da-bei andere, gleichfalls wichtige Kontrover-sen etwa um die psychiatrische Zwangs-behandlung, die Alzheimer-Frhdiagno-se oder das medikamentse Neuro-En- hancement ausgeklammert. Doch schon die hier versammelten Beitrge mgen verdeutlichen, wie viele aktuelle Entwick-lungen des Fachgebiets ethisch reflek-tiert werden mssen und welche Beitr-ge die Neuroethik mit empirischen, theo-retischen und kritischen Methoden dabei leisten kann.

    Da sich die Psychiatrie zunehmend an neurobiologischen Forschungsergebnis-sen orientiert, wird gegenwrtig wieder intensiv ber die Gefahren eines biologi-schen Reduktionismus diskutiert. Marco Stier et al. prsentieren eine differenzier-te Analyse des Biologismus-Begriffs und pldieren fr eine przisere Benennung der kritisierten Phnomene. Whrend die biologische Psychiatrie selbst nicht auf ein

    eliminativistisches Dogma festgelegt sei, msse gleichwohl Sorge getragen werden, dass es in ihrem Gefolge nicht zur Ver-nachlssigung der unverzichtbaren sozia-len und subjektiven Perspektiven komme. Dann nmlich drohten biologiefixierte Fehlentwicklungen fr die Arzt-Patient-Beziehung, die Psychotherapie oder die Sozialpsychiatrie.

    FragestellungeninderNeuroethikunterscheidensichhufigvondeneninderallgemeinenMedizinethik

    Ein aktuelles Beispiel fr die biologische Psychiatrie ist die Erforschung der tie-fen Hirnstimulation (THS) bei so ver-schiedenen Erkrankungen wie Depres-sion, Suchterkrankungen oder Alzheimer-Demenz. Matthis Synofzik zeigt die ethi-schen Probleme bei diesen Indikations-stellungen auf und entwickelt ein Bewer-tungsschema anhand der 4 medizinethi-schen Prinzipien Wohltun, Nichtschaden, Autonomie-Respekt und Gerechtigkeit. So fordert er eine strkere Bercksichti-gung patientenrelevanter Outcome-Pa-rameter in klinischen Studien, insbeson-dere der langfristigen Lebensqualitt. Er argumentiert auerdem zugunsten eines THS-Fallregisters und ethisch begrnde-ter methodischer Standards fr die THS-Forschung.

    Nicht nur neurostimulatorische Ver-fahren bergen ethische Implikationen, sondern auch neuartige pharmakologi-sche Eingriffe. Katja Khlmeyer und Ralf

    J. Jox geben eine bersicht ber ethische Fragen bei der Prvention und Therapie der posttraumatischen Belastungsstrung durch den -Blocker Propranolol, der die Konsolidierung traumatischer Erinne-rungen verhindern soll. Aus den bisher verffentlichten Studien ziehen sie ein kri-tisches Fazit und sehen noch keine ausrei-chende Evidenz fr einen klinischen Rou-tineeinsatz des Medikaments. Neben der Frage der Nutzen-Risiko-Balance disku-tieren sie insbesondere die Frage, ob und wie eine informierte Einwilligung mg-lich ist, wenn Betroffene das Medikament direkt nach dem Erleben des Traumas ein-nehmen sollen.

    Neuroethische Fragen ergeben sich auch bei neuen diagnostischen Metho-den, etwa der zerebralen Bildgebung. Kirs-ten Brukamp diskutiert die neuen Anst-ze zur motorunabhngigen Kommunika-tion bei chronischen Bewusstseinsstrun-gen. Hierbei werden Patienten instruiert, mittels distinkter Imaginationen auf Ja-Nein-Fragen zu antworten, was dann mit der funktionellen Magnetresonanztomo-graphie (fMRT) dargestellt wird. Damit ist die Hoffnung verbunden, Patienten zu identifizieren, die trotz fehlender Verhal-tensanzeichen bei Bewusstsein sind. Da-rber hinaus knnte die dadurch etab-lierte Kommunikation dazu genutzt wer-den, entscheidungsrelevante Informatio-nen ber Lebensqualitt und Wnsche der Betroffenen zu gewinnen.

    Fr Anwendungsfragen ist auch von Bedeutung, wie die Ergebnisse bildgeben-der Untersuchungen generell interpretiert werden. Georg Northoff zeigt dies anhand

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    Einfhrung zum Thema

  • der Auslegung von fMRT-Untersuchun-gen zu der auch ethisch hchst relevanten Frage, ob Patienten im vegetativen Status Bewusstsein haben. Bestimmte Schluss-folgerungen von der Ebene des Stimulus ber die Ebene des Gehirns auf die Ebene des Bewusstseins also von der Ausls-barkeit bestimmter neuronaler Aktivit-ten auf das Vorliegen von Bewusstsein knnten hier logisch und empirisch prob-lematisch sein. Die Neuroethik habe auch die Aufgabe, solche logischen und metho-dischen Inkonsistenzen blozulegen und damit einen kritischen Beitrag zur Wei-terentwicklung der Neurowissenschaften und ihrer verantwortlichen Umsetzung in die Patientenversorgung zu leisten.

    Wir wnschen Ihnen eine anregende Lektre!

    PD Dr. Dr. Ralf J. Jox

    Prof. Dr. Bettina Schne-Seifert

    Dr. Kirsten Brukamp

    Korrespondenzadresse

    PD Dr. Dr. R.J. JoxInstitutfrEthik,GeschichteundTheoriederMedizin,Ludwig-Maximilians-UniversittMnchenLessingstr.2,80336Mnchenralf.jox@med.uni-muenchen.de

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